Am Freitagabend gab es damals bei Oma in Oer-Erkenschwick Väter der Klamotte und Brötchen mit Fleischsalat. Einmal, irgendwann in den frühen sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hatte Jörg Grabosch es so eilig, zu seiner Oma fernsehen zu kommen, dass er einige Treppen hinunterfiel - die kleine Narbe über seinem rechten Auge ist noch heute zu sehen.

Es mutet an wie der Sturz bei Alice im Wunderland: Vom vielen Fernsehgucken landet einer irgendwann auf der anderen Seite des Bildschirms. Wenn man so will, mündet dieser Sturz in eine der bemerkenswerten deutschen Produzentenkarrieren, der die Nation die Harald Schmidt Show , die Wochenshow und TV total verdankt. Drei Comedy-Programme, sie haben die Art, wie in Deutschland gelacht wird, völlig verändert. Es ist schnelles, respektloses und irre voraussetzungsreiches Fernsehen: Fernsehen, in dessen Kern es wieder um Fernsehen geht. Und: Man hat den Eindruck, es seien die Zuschauer, die sich den Sendungen angepasst hätten, und nicht umgekehrt.

Das ironische Lächeln dessen, der es immer schon gewusst hat

Aber darüber hinaus begründet etwas anderes die besondere Stellung Graboschs unter Deutschlands Produzenten: Er hat diesen Erfolg nicht mit Daily Soaps, Talkshows oder Call-in-Shows erreicht, sondern ausschließlich mit Sendungen, an denen er hängt und die er teilweise schon vor Jahren im Geiste entworfen hat. Sein Exkollege Roger Willemsen, mit dem er Anfang der neunziger Jahre das Interviewmagazin 0137 machte, erinnert sich an lange gemeinsame Autofahrten vom Studio Hamburg nach Hause. "Grabosch, damals bloß ein Kapitalist des Luftraums, träumte von einem Fernsehen, das es zu jener Zeit nicht gab und das auch niemand machen wollte. Heute freue ich mich, bei ihm das ironische Lächeln desjenigen zu sehen, der sagen kann: Ich habe es immer gewusst!" Thomas Koschwitz, der 1994 mit ihm bei der RTL- Nachtshow war, bestätigt: "In Graboschs Kopf waren Ingolf Lück, Anke Engelke und Stefan Raab schon Stars, als die noch kaum jemand kannte." Lange war Grabosch zu früh. Nun hat die Republik endlich aufgeholt, und Grabosch bemüht sich, eine ökonomische und kreative Infrastruktur aufzubauen, die den Strom erfolgreicher Produktionen andauern lässt. Wie so eine Struktur beschaffen sein muss, ist ihm nach einer langen Reihe von spektakulären Pleiten und Pannen eingefallen.

1998 war so ein Jahr. Nach 450 Folgen der Harald Schmidt Show bei Sat.1 eröffnete ihm der Künstler, er werde fortan die Show selbst produzieren. Grabosch hatte auf einen Schlag sein wichtigstes Produkt verloren. Zudem geriet die Ulla Kock am Brink Show zu einem gewaltigen Misserfolg. "Das war 'ne beschissene Zeit", sagt Grabosch heute, vor allem weil er sich sagen muss: "Ey, das hättste besser wissen können." Zwei Dinge hat er aus seinem annus horribilis gelernt: erstens, den Künstlern gleich ihre Selbstständigkeit und die Hälfte des Gewinns zu garantieren. Graboschs Verhältnis zu seinen Künstlern kann man mit jenem des legendären Hollywood-Produzenten Irving Thalberg zu den Marx Brothers vergleichen: Aus großen Begabungen mit langer Bühnenerfahrung macht er nationale household names - Namen und Gesichter, die jeder kennt. Die zweite Lektion: nur noch das zu produzieren, woran er wirklich glaubt. Die Entschiedenheit Graboschs ist nicht zu unterschätzen. Thomas Koschwitz stellt fest: "Der ist knochentrocken. Für Jörg Grabosch gibt es nur Jörg Grabosch!" Vielleicht hat Koschwitz gerade deswegen Brainpool-Aktien gezeichnet.

Und damit er noch unabhängiger agieren kann als bisher, hat Grabosch im vergangenen Jahr sein Verhältnis zu den Sendern auf eine neue Grundlage gestellt. Bislang lief das so: Ein Sender gab ihm den Auftrag, eine Sendung zu produzieren, und das Geld dafür, inklusive zehn Prozent Produzentengewinn. Dann wurde die Sendung von Brainpool hergestellt und vom Sender zur Ausstrahlung abgenommen. Die Rechte daran behielt der auftraggebende Sender. Nach dem Lizenzmodell hingegen stellt der Produzent eine Sendung ohne Auftrag her, finanziert sie aus eigenen Mitteln und geht mit dem fertigen Band von Sender zu Sender, um nicht mehr die ganze Sendung, sondern nur noch die Lizenz für eine Ausstrahlung zu verkaufen. Die Rechte für Wiederholungen, Online-Verwertung, CDs und Merchandising-Artikel bleiben auf diese Weise beim Produzenten. Und diese Rechte sind es, die Brainpool auch für Aktionäre reizvoll machen.

Sandra Egerer, Medienanalystin von der Frankfurter Equinet, schwärmt von der Brainpool-Aktie: Gerade durch die Raab-CDs käme dank der Nebenrechteauswertung "immer noch etwas obendrauf", obwohl Brainpool die Erwartungen ohnehin schon übertroffen habe. Wenn jetzt noch die Expansion in andere europäische Länder gelänge, würde sich die Firma zu einem Wert mit "sehr guten" Aussichten entwickeln. Mit einer kleinen Einschränkung: "Wenn der Comedy-Trend vorbei ist, muss man aus der Aktie raus."