Wer nach einem halben Jahr in Amerika, in diesem Fall an der kalifornischen Stanford-Universität, in die Bundesrepublik zurückkehrt, wird Wundersames gewahr. Dieses Land, einst Inbegriff der Langsamkeit, ja der hartnäckigen Verweigerung des Wandels, ist wieder da, wo es schon einmal Ende des 19. und in der Mitte des 20. Jahrhunderts war: mitten in einer neuen "Gründerzeit". Es ist, als wenn eine dicke Eisdecke zerbirst und die Schollen zu treiben beginnen: gegeneinander, aufeinander, auseinander.

Einst, zumal in den 16 Jahren der Ära Kohl, schien Deutschland nur zwei Gebote zu kennen, "Berechenbarkeit" und "Vermittelbarkeit". Das eine besagte: Es muss (fast alles) so bleiben, wie es ist, und wenn Wandel partout nicht zu vermeiden ist, müssen die Verlierer der Verwerfung nicht bloß aufgefangen, sondern abgefunden werden - häufig dermaßen großzügig, dass ihnen die Anpassung erspart bleibt. Das Gebot der Vermittelbarkeit bremste den Wandel ein zweites Mal, war es doch nur ein anderes Wort für den viel beschworenen "Konsens", wonach jede halbwegs organisierte Gruppe ihr Veto gegen die Veränderung einlegen dürfe. "Berechenbarkeit" und "Vermittelbarkeit" waren die beiden Pfeiler der deutschen "Staatsreligion". Vor ihren Altären knieten die großen Parteien, die Union wie die SPD, die Verbände, ja auch viele jener "Sinnstifter", die im Englischen mit den Wörtchen "schwatzende Klasse" umschrieben werden und von Berufs wegen eigentlich andauernd gegen den Stachel hätten löcken müssen.

Woran merkt man, dass die Platten in Bewegung geraten sind? Karl Marx, der Bärtige mit einem besseren Gespür fürs Tektonische als so mancher 20-Jährige, würde immer nur ein Wort murmeln: "Unterbau" - oder im moderneren Vokabular eines Bill Clinton: " It's the economy, stupid! " Einer, dessen Unternehmen den "rheinischen Kapitalismus", die "Deutschland A.G." perfekt verkörpert hat, Henning Schulte-Noelle von der Allianz, drückt es vorsichtig so aus: "Die Demontage (des alten Systems) ist offenkundig. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Deutschland wiederaufgebaut werden; da brauchten wir ein fest gefügtes System. Wir sind jetzt wahrlich dabei, es zu verändern."

Wie denn? Ein dramatisches Beispiel bieten zwei Kurven - die Entwicklung des Neuen Marktes, gemessen an der "Markt-Kapitalisierung", also am Aktienwert aller Firmen, die in dem Index vertreten sind. Derweil der Dax, der "Alte Markt", gerade mal einen Anstieg von rund 80 Prozent seit Mitte 1997, der Geburtsstunde des Neuen, verzeichnet, protzte dieser mit seinen über 200 Neugründungen bis Mitte März mit einem Plus von 6000 Prozent. Spekulation? Ja, natürlich. Wahnsinniger Leichtsinn? Wohl auch - siehe den Absturz im April. Bloß steckt dahinter eine dreifache Revolution.

Erstens: In diesem Land - wie in Kontinentaleuropa überhaupt - galt seit Jahrhunderten das Prinzip der Bankfinanzierung. Wer schon was hatte (Sicherheiten), der kriegte auch was, und entschieden über die Investitionen haben nicht kühne (oder wahnwitzige) Unternehmer, sondern vorsichtig bilanzierende Bankbeamte. Gut für das Bestehende, schlecht für das Neue, das Unwägbare. Doch wo Kapital unbehindert fließen darf, unterspült es unweigerlich den Status quo und kann sich die Wirtschaft - dank der Welt der kleinen Start-ups, die aus dem Nichts kommen - schneller an den rasanten Wandel der Technologien und Bedürfnisse anpassen.

Der zweite Teil: Die Besitz- und Herrschaftsverhältnisse werden transparenter. Die "Deutschland A.G." war ja der Geld gewordene Filz. Jeder saß bei jedem anderen im Aufsichtsrat (wofür sie in Amerika, wo das Verbot der interlocking directorates gilt, im Knast gelandet wären), und so kontrollierte keiner niemanden, geschweige denn, dass er allzu heftig gegen den lieben Herrn Kollegen draußen im Markt konkurriert hätte. Es war zwar schön, dass in der "Deutschland A.G." so geflissentlich der Konsens gepflegt wurde, aber wie oft ist dieser zu Kollusion, gar zur Konspiration gegen die Öffentlichkeit verkommen? Jetzt, da die Investoren der Deutschen Bank einen geringeren Marktwert zuweisen als dem hierzulande kaum bekannten Discount-Broker Charles Schwab, beginnen sich die Deutschbanker aus dem lähmenden Geflecht der Überkreuz-Beteiligungen zu befreien - siehe den Verkauf von Allianz-Aktien in Höhe von einer Milliarde Euro im vorigen Herbst und nun die Fusion mit der Deutschen Bank.

Fällt demnächst die Kapitalgewinn-Besteuerung beim Verkauf von Beteiligungen wie geplant weg, wird das den ebenso behäbigen wie undurchsichtigen Deutsch-Kapitalismus wie noch nie in seiner Geschichte durcheinander wirbeln. Der Revolution dritter Teil? Jetzt würde Marx murmeln: "Überbau." Langsam, langsam entsteht eine Kultur der Selbstständigkeit in einem Land, wo junge Studenten den Meinungsforschern regelmäßig ins Fragenformular diktiert hatten, dass sie am liebsten in den Staatsdienst oder eine staatsähnliche Großfirma strebten. Nun, da der lebenslange Arbeitsplatz ohnehin verschwindet, werden aus Teenies Gründer. Der neue "Unterbau" macht's möglich. Nicht mehr die Massenfertigung, die überdimensionierte Industrieanlage mit ihren gewaltigen Anlaufkosten bestimmt das Geschäft, sondern die kleinteilige Zellbildung, die irgendwo zwischen Gehirn und Festplatte beginnt. Früher mussten Ideen mühselig das Kapital suchen, heute jagt das Kapital eilfertig, ja verschwenderisch den guten Ideen hinterher.