Die gesamte Debatte der PDS um ihr neues Grundsatzprogramm erklärt sich mit einem Blick in das Kleine Politische Wörterbuch des DDR-Dietz-Verlages. Das Stichwort "Moderne" war in dem maßgeblichen Brevier der SED-Agitatoren nicht verzeichnet. Und die "bürgerliche Demokratie" wurde dort definiert als "eine Organisationsform der Diktatur der Bourgeoisie über die werktätigen Massen".

Mit diesem Vokabular haben die Thesen der PDS-Programmkommission nur noch wenig zu tun, und genau deshalb brodelt es in der Partei, seit das Papier im November veröffentlicht wurde. Die Vertreter der Kommunistischen Plattform, des Marxistischen Forums und der westdeutschen Linken verließen unter Protest die Kommission, bezichtigten die Parteiführung des Verrats und schrieben ein Minderheitenvotum. Nun kursieren alarmistische Pamphlete und Unterschriftenlisten, wüste Beschimpfungen werden mit Parteiausschlussverfahren gekontert. Parteichef Lothar Bisky, der die PDS seit 1992 zusammengehalten hat, musste sich als "Mehrwegflasche" titulieren lassen - da seufzt er tief und sagt, in der PDS dominiere "denunziatorische Kommunikation". Auf dem Bundesparteitag am Wochenende in Münster, dem ersten auf westdeutschem Boden, kann die Schlacht erstmals offen ausgetragen werden.

Bei bundesweiten Umfragen liegt die Partei stabil über fünf Prozent. Besonders wertvoll ist ihr teilweise geglückter Imagewandel: Sie wird nicht mehr nur als Anwalt ostdeutscher Interessen angesehen. In den neuen Ländern gilt die PDS laut einer Allensbach-Umfrage bereits unumstritten als "Partei der sozialen Gerechtigkeit": 56 Prozent verbinden dieses Etikett mit ihr, nur 23 Prozent mit der SPD. Im Westen liegen bei dieser Frage beide Parteien gleichauf. Auf dem Weg zur gesamtdeutschen Kraft links von der Sozialdemokratie ist die PDS also vorangekommen. Und in Ostdeutschland hat sie eine nicht zu unterschätzende Leistung vollbracht: Sie hat große Teile der Bevölkerung, die der bundesdeutschen Demokratie ablehnend gegenüberstanden, an das System gebunden - in einer oppositionellen Haltung zwar, aber immerhin. Und Schritt für Schritt hat sich die PDS auch selbst mit der neuen Ordnung angefreundet.

Eine Spaltung brauchen die Reformer nicht mehr zu fürchten

Im vergangenen Jahrzehnt war die Partei mit der Existenzfrage beschäftigt, nun geht sie an die Inhalte. Die Reformer im PDS-Vorstand drängen: Sie wollen das seit 1993 geltende Programm überarbeiten; zur Bundestagswahl 2002 soll die Partei prinzipiell koalitionsfähig sein. Das neue Programm soll sich mit der Marktwirtschaft aussöhnen, mit Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit - mit "Zivilisationsgewinnen moderner bürgerlicher Gesellschaften", wie es Chefdenker Dieter Klein formuliert. Die Parteispitze hat eingesehen: "Die PDS wirkt in einer Gesellschaft, die allein mit dem Begriff Kapitalismus nicht wirklichkeitsgerecht erfasst werden kann. Die meisten ... Bürger messen ihr Vorzüge zu, die nicht ungestraft negiert werden dürfen".

Für viele in der Partei sind solche Sätze noch immer ein Tabubruch, doch eine Spaltung brauchen die Reformer nicht mehr zu fürchten. An der Basis hat sich in langjähriger kommunalpolitischer Arbeit Pragmatismus breit gemacht. Zwar werden viele Alte das neue Programm nicht lieben, aber emotional hängen sie viel zu sehr an ihrer Heimat PDS, als dass sie sich trennen würden. Auch die Kommunistische Plattform wird, egal wie sie zetert, die Partei nie verlassen, denn dann versänke sie in der Bedeutungslosigkeit.

Das neue Programm soll den Kapitalismus nicht mehr wie bisher strikt ablehnen. Stattdessen haben die Parteitheoretiker den Begriff der Moderne entdeckt. Ihr schreiben sie neuerdings die positiven Seiten des Kapitalismus zu. Ziel der PDS soll fortan nicht mehr sein, den Kapitalismus revolutionär zu überwinden, sondern die Moderne sozialreformerisch weiterzuentwickeln - bis vielleicht einmal ein Sozialismus herauskommt. Durch diese Konstruktion soll der Anschluss gewonnen werden an den aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs - und an die Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft.