Brüssel

Kaum zu glauben, der Mann kann lachen - immer noch. Wie ein Kind reißt er die dunklen Augen auf, lässt er den Mund offen stehen, als staune er über sich selbst. Dann deutet Romano Prodi mit dem Zeigefinger auf Herz und Magen: "Nein, hier drinnen hat mich all die Kritik nie getroffen."

Eben wegen dieser Meisterleistung hatten ihn Europas Staats- und Regierungschefs ja auch voriges Frühjahr zum Präsidenten der EU-Kommission berufen. Wer, wenn nicht Prodi, sollte nach dem jämmerlichen Abgang der Mannschaft um Jacques Santer die Eurokratie denn sonst erneuern? Wie einen Messias empfing Brüssel den 60-jährigen Wirtschaftswissenschaftler. Jetzt, nach nicht einmal sieben Monaten Amtszeit, kreuzigen sie ihn. Im Bauch der Bürokratie brodelt eine giftige Gerüchteküche, aus Paris wie aus Berlin werden Zweifel an Prodis Führungsstil kolportiert. "Wo bitte ist der Chef?", rätselt die Welt, der "Präsident von trauriger Gestalt" (stern) erscheint als "der einsamste Mann von Brüssel" (Spiegel). Und am Dienstag legte die sonst so seriöse FAZ gar noch eins drauf: Einige Kommissare, schrieb sie, planten nunmehr den "Königsmord".

Wenigstens diese journalistische Räuberpistole war schnell entschärft: Kein Kommissar könnte, selbst wenn er denn wollte, in Brüssel den Brutus spielen. Solch ein Drama verbietet schon der EU-Vertrag, das spröde Regiebuch europäischer Politik. Und Spekulationen um einen politischen Selbstmord per Rücktritt dementiert der Präsident vital: "Nie, nie, nie, nicht ein einziges Mal" habe er daran gedacht, was ihm italienische Zeitungen gern unterstellen - dass er den Brüsseler Büttel am liebsten hinschmeißen und wieder nach Rom zurückkehren wolle.

Nein, dieser Mann will bleiben. Vor Ende seiner Amtszeit im Januar 2005 wird Romano Prodi, der sich so gern und oft als "Chef einer Art europäischen Regierung" bezeichnet, diesen Posten nicht hergeben. Aber genau hier beginnen die Bedenken, die Zweifel: Denn ebendiese "europäische Regierung", von der der kleine Italiener träumt, existiert schlicht nicht. Anders gesagt: Solange Prodi sich an die Illusion klammert, er könne als Präsident der EU-Kommission gleichsam ein paneuropäischer Premier sein - so lange droht er zu scheitern.

Noch verkennt Prodi das Problem, noch glaubt er, seine Aufgabe in Brüssel sei "im Kern nicht sehr viel anders" als weiland sein Amt in Rom: "Die Hauptsache in jeder Politik ist es, zu motivieren und das Team zu organisieren", sagt er fast treuherzig. In der Tat harmoniert Prodis Mannschaft bislang weitaus besser als die Vorgänger unter dem stets zögerlichen Jacques Santer. Allerdings ändert dieser Erfolg nichts daran, dass er als Kommissionspräsident bei weitem nicht jene Kompetenzen hat, über die zu Hause jeder nationale Regierungschef verfügt. Kein Paragraf, erst recht keine direkte Wahl ermächtigt ihn, sein Brüsseler Haus so zentral zu führen, wie er es insgeheim gern möchte. Es bleibt ein simples Einmaleins: Prodi hat 19 Kommissare neben sich und 15 Regierungen über sich. Und nebenan lauert ein Parlament, das mehr denn je vor Selbstbewusstsein strotzt.

Wer nicht kommandieren kann, der muss nach außen wie nach innen - überzeugen. Reden und überreden, genau das zählt nicht zu Prodis Stärken. Große Auditorien liegen ihm nicht, er weiß es: "Meine erste Rede vor einem Parlament habe ich gehalten, als ich schon Premier war." Im weiten Rund des Straßburger EU-Parlaments finden seine Augen selten Halt, fast verkrampft starrt er bisweilen auf das Skript seines Redetextes. Und selbst bei Tisch, in exklusiver Runde, wirkt er oft fahrig, unkonzentriert, fast scheu. "Dann fremdelt er", sagt einer, der Prodi regelmäßig beobachtet. Dabei hemmt ihn ein Handicap, mit dem ein Kommissionspräsident zuletzt vor 25 Jahren zu kämpfen hatte: Weil Prodis Muttersprache nicht zu den drei europäischen Arbeitsidiomen zählt, verliert seine ohnehin bescheidene Rhetorik in der Übersetzung selbst den letzten Glanz.