Vielleicht könnte Stefan Weber* noch wie früher als erfolgreicher Geschäftsmann von einem Termin zum anderen eilen. Doch seitdem die Ärzte vor vier Jahren begannen, seinen Bandscheibenvorfall zu kurieren, ging es mit der Gesundheit des 40-Jährigen stetig bergab. Die heftigen Rückenschmerzen, die ihn inzwischen täglich quälen, machen es ihm seit Monaten unmöglich, weiter zu arbeiten.

Dabei ließen die Ärzte fast nichts unversucht. Zuerst behandelten sie ihn mit Spritzen, dann folgte das Einrenken durch den Chiropraktiker. Nichts davon half dauerhaft. Da gab es scheinbar nur noch ein Mittel: eine Bandscheibenoperation. Tatsächlich war Weber nach dem ersten Eingriff praktisch schmerzfrei. Bald schuftete er im Büro wie zuvor. Doch drei Monate später kehrte die Pein zurück. Inzwischen hat er die dritte Operation hinter sich - die Schmerzen aber sind geblieben.

Für die Medizinpsychologin Monika Hasenbring von der Universität Bochum ist das nicht verwunderlich. Für sie ist Webers "Patientenkarriere" ein Paradebeispiel dafür, dass die meisten Mediziner die Hauptursachen chronischer Rückenschmerzen verkennen - und ihre Patienten durch nutzlose Therapien kränker statt gesünder machen. "Bei rund 80 Prozent der etwa 28 Millionen Deutschen mit chronischen Rückenschmerzen hat das Leiden vor allem psychosoziale Ursachen", sagt Hasenbring.

Fast jeden kann es treffen. Vier von fünf Deutschen leiden mindestens einmal in ihrem Leben an akuten heftigen Rückenschmerzen. Doch von den jährlich 57 000 Bandscheibenoperationen in Deutschland, schätzt Hasenbring, ließen sich bis zu 95 Prozent verhindern, wenn die Ärzte mit der Therapie frühzeitig und an der richtigen Stelle ansetzten.

Akute Rückenschmerzen haben fast immer einen körperlichen Auslöser, meist ist das eine Überbelastung der Muskeln oder ein leichter Bandscheibenvorfall. Bei einem solchen Vorfall quillt ein Teil des gallertartigen Inhalts einer Bandscheibe, die wie ein Kissen zwischen den Wirbeln liegt, aus ihrer Hülle heraus und rutscht in den Rückenmarkskanal. Je nachdem, ob und wie stark diese Masse dort auf den Nerv drückt, kommt es dann zu starken Schmerzen im Rücken und zum Teil auch im Bein - dem so genannten Ischiasschmerz. Ob die Schmerzen zu permanenten Qualen werden oder wieder verschwinden, hängt Hasenbring zufolge jedoch eher von psychologischen Faktoren ab: Wer schlecht mit Stress umgehen könne, Probleme am Arbeitsplatz oder in der Familie habe und darauf mit extremem Durchhaltewillen oder mit Depressivität reagiere, sei ein Risikokandidat für chronische Schmerzen.

Wer die Symptome unterdrückt, ist besonders gefährdet

In einer kürzlich in der Fachzeitschrift Spine veröffentlichten Studie hatte Hasenbring 59 Patienten untersucht, die wegen akutem Ischiasschmerz in einer Klinik behandelt, aber nicht dringend operiert werden mussten. Dabei identifizierte sie 47 Patienten als Risikokandidaten: Dies sind zum einen Kranke, die aus Angst vor dem Schmerz jede Bewegung und Unternehmung ängstlich vermeiden. Die größte Gruppe von Risikopatienten, betont die Psychologin, seien aber nicht etwa Drückeberger, sondern Menschen, die ihre Schmerzen unterdrücken und die Zähne zusammenbeißen, um weiterhin in Beruf und Familie zu "funktionieren".