In Eleganzfragen lässt er sich nicht übertreffen. Als die "Berliner Seiten" der FAZ behaupteten, Christoph Stölzl sei bei einer Preisverleihung als Laudator in einem "Anzug in braunem Moiré" aufgetreten, berichtigte Stölzl umgehend: "Der Füllfederhalter, die Hand sträubt sich bei dem Gedanken, überhaupt des Besitzes eines solchen Stücks bezichtigt zu werden." Nein, in Wahrheit habe er das jedem Freund gesellschaftlicher und damit auch textiler Traditionen altvertraute Gewebe "Bird's Eye" getragen: "Es verbindet auf charakteristische, unverwechselbare Weise schwarze und graue Wollfäden und ist deshalb für einen feierlichen, gleichwohl heiteren geselligen Anlass um 12 Uhr mittags vollkommen passend." So ist Stölzl: Man trifft ihn bei Premieren der Berliner Staatsoper Unter den Linden nicht nur im Smoking an, er kann auch erklären, warum dieses Kleidungsstück mit Thomas Mann als "Uniform der Gesittung" bezeichnet werden muss. Die Kulturgeschichte des Herrenanzugs kann er plaudernd zu einer Sozialgeschichte des Bürgertums ausgestalten; die Historie sitzt ihm maßgeschneidert am Leib.

Jetzt soll Christoph Stölzl Kultursenator der deutschen Hauptstadt werden, deren Mittelstand sich bei festlichen Premieren gern in bordellroten Blazern zeigt und deren Regierender Bürgermeister nicht einmal braunes Moiré trägt, sondern gern jene fliederfarbenen Sommeranzüge, die für den Besitzer eines Weddinger Bettenparadieses nicht nur um 12 Uhr mittags vollkommen passend sind. Es ist das schwierigste Amt, das in der deutschen Kulturpolitik derzeit zu besetzen ist; daran ändert der einhellige Beifall der Berliner Künstler und Kulturfunktionäre (bevorzugtes Outfit: einheitlich Schwarz) gar nichts. Selten hat ein Politiker ein Amt unter so schwierigen Bedingungen und begleitet von so viel verzweifelter Hoffnung antreten müssen.

Dazu kam eine soziale Fremdheit, die sich bis heute erhalten hat und für die Stölzls Eleganzwille nur das etwas geckenhafte Außensignal ist. Berlin hat bekanntlich keine Bourgeoisie mehr, wenn man von wenigen hochfahrenden Resten absieht, die sich in moosigen Grunewaldvillen und lichtarmen Charlottenburger Stuckaltbauwohnungen verstecken. Die Berliner Gesellschaft ist prollig, kleinbürgerlich und parvenuhaft, überaus vital, aber ungehobelt und sozial nicht recht unterscheidungsfähig. Dass es in Bayern ein traditionsreiches Bürgertum mit einer Neigung zur Boheme gibt, ist in Berlin unbekannt. Stölzl ist ein Kind dieser soliden, aber genussfreudigen und stark zur Ironie geneigten süddeutschen Bourgeoisie. Von Mutterseite ist er ein Nachfahr des Theaterkritikers Hans von Gumppenberg, eines der Mitbegründer der "Elf Scharfrichter", die in der Prinzregentenzeit, als München die modernste deutsche Kunststadt war, eine bedeutende Rolle spielten. Eine Tante, Gunta Stölzl, war die einzige Frau am Dessauer Bauhaus, liiert mit einem jüdischen Künstler, dem sie 1933 in die Emigration folgte. Stölzls Mutter war Rundfunkredakteurin; der Sohn begann schon als Museumsdirektor eine Karriere als Moderator bei dem Berliner Sender Hundert,6, und überhaupt zeigt Stölzl ein Interesse an der Presse und ihrem Handwerk, das ihn im vergangenen November zum Feuilletonchef der Welt werden ließ.

Dass Christoph Stölzl auf dem sandigen Boden Berlins so aufblühte, war allerdings auch der seit 1989 umgekrempelten äußeren Situation zu verdanken. Wenn es einen Gewinner der Wiedervereinigung gab, dann war es das DHM. Aus einem Platzhalter für gesamtdeutsche Erinnerungen wurde es zur Bühne für all die symbolpolitischen Auseinandersetzungen, die sich bei der Neukonstituierung der neuen Bundesrepublik gar nicht umgehen ließen. Es begann 1990 mit einer großen Bismarck-Ausstellung, die lange vorher geplant war und nun von der Aktualität der Vereinigungsanalogie profitierte. Stölzls Siegeslauf endete mit einer opernhaften Überblicksschau zum europäischen Nationalismus unter dem Titel Mythen der Nationen im Jahre 1998, die den heimlichen intellektuellen Schlusspunkt der Ära Kohl und ihres Versuchs darstellte, die Idee der Nation mit Europa zu versöhnen. Schon die Bismarck-Ausstellung hatte den gewaltsamen Kanzler als Exponenten des gemeineuropäischen Zeitalters der Trikoloren gezeigt; die Mythen der Nationen fanden die Versöhnung der verfeindeten Vaterländer im gemeinsamen Prinzip einer revolutionären Selbstschöpfung aus dramatisierten Vergangenheiten. Mochten die Völker einander hassen, die Art, in der sie zu Nationen wurden, war ihnen allen gemeinsam.

War das eine Verharmlosung, so wie man der großen Deutschland-Frankreich-Ausstellung von 1996 ein Übermaß an ausgleichendem gutem Willen vorwerfen konnte? Jedenfalls war es ungeheuer unterhaltsam. "Alle modernen Nationen haben sich dadurch definiert, dass sie nicht normal sein wollten", erklärte Stölzl schon 1994. Ein starkes seelisches Doping ist das allgemeine Kennzeichen des Nationalismus, eine emotionale Aufgeputschtheit, die den Sonderweg zum Prinzip erklärt. Stölzl hat allen ihn anfangs begleitenden Argwohn, er wolle die deutsche Geschichte beschönigen, souverän widerlegt durch die Mobilisierung des ästhetischen Hysterie-Potenzials, das die moderne Geschichte so reichhaltig zur Verfügung stellt.

Moralisch eher lau, ästhetisch stark uranhaltig

In Wahrheit wurde das DHM zum weltbesten Museum für die Kette von Revolutionen, die Europa seit 1789 erschütterten. Wenn man das Zeughaus Unter den Linden betrat, fragte man sich immer, ob jetzt nicht gleich der Nabucco-Chor oder die Internationale erklingen müsse. Gierig griff Stölzl denn auch nach der Erbschaft der DDR, nicht nur nach dem Geschichtsmuseum im Zeughaus, sondern auch nach Fahnen, Plakaten, Propagandafilmen, Marschmusik. Ein von Stephan Hermlin und Johannes R. Becher getexteter Ulbricht-Film aus den fünfziger Jahren lief wochenlang im Kino des DHM und gewann Kultstatus bei einem jungen Ironie-Publikum, das gern Szenenapplaus spendete, als handele es sich um die Rocky Horror Picture Show .