Die Telekom hat mit ihrem Schritt an die Börse 1996 viele Deutsche in Aktienfans verwandelt. Wird sie nun - in Werbespots nicht mehr verkörpert vom Gemütsmenschen Manfred Krug, sondern vom virtuellen Robert T-Online - zum Symbol für das Erwachen aus dem kollektiven Rausch? Der Börsengang ihrer Internet-Tochter T-Online sei, unken viele am Markt, ein doppelter Testfall: für den Höhenflug der Technologiewerte und für die Aktienkultur in Deutschland.

Erfolg oder Misserfolg der T-Online-Aktie hängen davon ab, zu welchem Preis sie angeboten wird. Getestet wird, ob die Telekom und ihre Banken die Stimmung unter den Anlegern richtig einschätzen. Das fällt in diesen Tagen schwerer denn je. Vor drei Wochen noch galten High-Tech-Firmen als das Nonplusultra; Anleger balgten sich um die heiß begehrten Anteilsscheine der Siemens-Tochter Infineon, die neuen vermeintlichen Volksaktien. Dieselben Investoren beäugen heute Zukunftswerte mit Argwohn. Jüngste Börsengänge wie die von World Online und Lycos endeten in Tränen, weltweit gerieten die Kurse vieler Unternehmen der New Economyins Trudeln - auch der von Infineon. Das Gerichtsurteil gegen den Softwareriesen Microsoft verschärft diesen Trend. Niemand weiß, ob es nun bei der überfälligen Korrektur von Wahnsinnskursen bleibt oder ob die Börsenstars noch tiefer stürzen.

Vor allem aber bleibt es trotz der Irrungen und Wirrungen an der Börse ein Verdienst der Aktionäre und der viel gescholtenen Spekulanten, dass sie mit ihrem Geld in den vergangenen Jahren die Entwicklung neuer Technologien und Produkte, ja den Umbau ganzer Volkswirtschaften vorangetrieben haben. Allein in Deutschland sind seit 1997, seit der Eröffnung der Wachstumsbörse Neuer Markt, mehr als 40 Milliarden Mark in junge Unternehmen geflossen. Ein gewaltiges Förderprogramm für den Strukturwandel (siehe auch Seite 3). Wenn nun das Kapital für T-Online und die New Economy etwas bedachtsamer verteilt wird, dann ist das gut für die Aktienkultur und noch besser für die Volkswirtschaft.