Neulich in der Downing Street Nr. 10. Tony, maulig: "Och nö!" Cherie, sanft: "Doch, Darling!" Tony, mit Blick auf die Armbanduhr: "Bitte lass mich, ich muss regieren gehen!" Cherie, eine Spur schärfer: "Ich bestehe darauf! Erinnere dich bitte an Humphrey. Damals habe ich nachgegeben." Tony, schon in der Tür: "Und die Leute sollen mich für ein Weichei halten, oder was?" Cherie, wütend: "Wir reden heute Abend weiter!"

Als Familie Blair 1997 in die Downing Street zog, wohnte da schon jemand: Humphrey, ein Kater, der dem Vormieter John Major zugelaufen war. Kater stinken, fusseln und sind unhygienisch, das weiß jeder, aber sagen darf man's nicht. Vor allem nicht in England. Cherie Blair, der neuen First Lady, unterlief dieser Lapsus, und sie gestand sogar öffentlich, sie wolle das Tier loswerden. Da ging aber ein Aufschrei durch die tierliebe Nation! Cherie rettete sich nur knapp, indem sie sich tapfer lächelnd mit dem fusselnden Humphrey auf der Schulter ablichten ließ und ihm lebenslanges Bleiberecht versprach. Das Foto ging um die Welt, der Fauxpas war aus der Welt, und Cherie hatte zweierlei gelernt: erstens, was Staatsräson ist. Und zweitens, dass erfolgreiche Politik zur Hälfte aus Symbolen besteht.

Weil der aber rumzickte, forderte Cherie ihren Tony in aller Öffentlichkeit auf, den von Labour selbst im vergangenen Oktober durchgesetzten Babyurlaub anzutreten. Seither wird auf der Insel darüber gestritten, ob ein Premier die Machtausübung für eine Woche ruhen lassen darf, nur weil ein Knirps das Licht der Welt erblickt - oder ob es an der Zeit ist, eine Männerrolle vorwärts zu schlagen.

Noch zaudert Tony. Er wäre ja auch Pionier. Abgesehen davon, dass es offensichtlich überhaupt keine sicherere Verhütungsmethode gibt als die, ein Land zu regieren - geschieht das Babywunder trotzdem einmal, darf es doch die Amtsgeschäfte nicht stören! Vielleicht erinnert man sich noch an den kanadischen Regierungschef Trudeau (drei Söhne), gewiss aber nicht an ein niederkunftbedingtes Machtvakuum in Kanada. John F. Kennedy war ebenfalls einer der wenigen, die sich neben dem Fortbestand der Nation um den Fortbestand der Art kümmerten. Als 1960 ein Frühchen namens J.F.K. junior im Brutkasten lag, erfuhr die gerührte Weltöffentlichkeit, dass Papa immerhin kurzfristig seinen Urlaub in Palm Beach unterbrach.

Der Einzige, der Tony Blair tatsächlich vorbildhaft voranging, ist Paavo Lipponen. Der finnische Ministerpräsident nahm im März dieses Jahres volle sechs Tage Babyurlaub. Er wurde dafür von einer spanischen Frauenorganisation mit einem Gleichstellungspreis bedacht. Die Weltpresse war nicht weiter interessiert. Nur Cherie Blair horchte auf.

Ende Mai also wird es wieder so ein Bild geben, das um die Welt geht: Es wird den britischen Premier zeigen, wie er zwangsbeurlaubt, aber tapfer lächelnd seinem neu geborenen Baby die Windeln wechselt. Staatsräson! Symbolische Politik! Die glückliche Mama allerdings sollte ruhig einmal darüber nachdenken, ob es wirklich Bilder von Männern sind, die mit gefüllten Pampers hantieren, die andere Männer von den Schreibtischen und Werkbänken locken könnten. Es gibt nämlich auch Sachen, die Papas mit ihren Babys unternehmen können, die machen wirklich Spaß!