Fünfundneunzig Prozent der zeitgenössischen deutschen Literatur sind überflüssig. Gesichtslose Literaturagenten-Literatur. Temperamentlos, mutlos, gleichförmig, langweilig, provinziell. Kurzum: Schlappschwanzliteratur.

Gut gebrüllt, Löwe, und guten Abend und herzlich willkommen zur Tagung Freiheit für die deutsche Literatur in der Evangelischen Akademie Tutzing. Es spricht, nein, es attackiert Maxim Biller, der "Hass-und-Moral-Amokmann" (Biller über Biller), die Krawallschachtel des Betriebs (die meisten anderen über Biller). 29 Seiten lang ist seine Publikumsbeschimpfung, ungeschoren kommt keiner der gut hundert Dichter, Kritiker, Leser davon. Sind Sie Schriftsteller? Dann haben Sie wahrscheinlich auch noch nie irgendjemanden bewegt. Sie wohnen in einer schönen Altbauwohnung? Feigling. Sie schreiben Kritiken im Feuilleton ? Dann sagen Sie nichts Wahres, auch wenn Sie ununterbrochen reden. Oder gehören Sie gar zu den so genannten Popliteraten und ihren Apologeten? Dann sind Sie einer der schlimmsten und verschwiegensten Systemopportunisten.

Eine neue Gruppe also - romantische Idee, so altmodisch wie Billers Rezept für gute, das heißt moralische Literatur: Schreiben, wo der Feind steht, und ihn dann bekämpfen. Aber wo ist er nur, der Feind für alle? Politische Kämpfe sind nicht in Sicht. Auch zur Entdeckung oder Karriereförderung braucht man einander nicht mehr; Talentscouts in jeder Kellerbar mit Poetry Slam bleibt leider nicht das kleinste Licht verborgen, den Rest besorgt das Marketing. Die deutsche Literatur ist populär wie lange nicht; gerade einige der jüngsten Autoren haben alles, wovon die Benjamine der Gruppe 47 nur träumen konnten: Medienpräsenz, hohe Auflagen und Honorare, Agenten, Groupies. Und selbst wer das nicht hat und von den gewaltigen Konzernverlagsmaschinen ignoriert wird, kann via Internet die ganze Welt an seinen Qualen teilhaben lassen. Wenn man Leser in Tasmanien erreichen kann, warum sich mit womöglich missgünstigen Kollegen in Tutzing treffen?

Weil Schriftsteller nicht nur Berufsegomanen sind, sondern in ihrem hintersten Herzwinkel noch ein Geniekültchen pflegen und gerne miteinander darüber reden, dass und warum Literatur und Literaten für eine Gesellschaft wichtiger sind als Aktien und Broker. Weil Tutzinger Schloßbräu in geselliger Runde wirklich gut schmeckt. Und weil alle Billers Unbehagen an der gegenwärtigen Literatur diffus teilen. Jedenfalls packt niemand nach der Attacke beleidigt die Koffer, sondern alle stürzen sich begeistert ins unübersichtliche Diskussionsgetümmel. Die alten Avantgarde-Zöpfe habe man ja nun erfolgreich abgeschnitten, sagt zum Beispiel Matthias Altenburg, "aber dann ist alles leider in eine andere Richtung gelaufen, als wir alle hofften. Die neue Literatur ist nur wie Gervais-Frischkäse - die leichte Alternative."

Spaß bringt nur der Vortrag "Für Geld machen wir alles"

"Wir alle" - wer ist das? Aus Ostdeutschland ist kaum jemand gekommen, genauso wenig aus den Gefilden der Lyrik, das so genannte Fräuleinwunder lastet allein auf den schmalen Schultern von Zoë Jenny und Alissa Walser. Der immer noch repräsentative Rest pflegt effektvoll seine Feindschaften. Akif Pirincci ist der von den anderen nicht ganz ernst genommene Erfolgsschriftsteller, den ein leises Minderwertigkeitsgefühl hart gemacht hat: "Ich bin zwar nur bei Ullstein, verdien' aber zehnmal so viel wie der Biller." Feridun Zaimoglu fordert das Ende des "Wohngemeinschaftsgelabers" in der Literatur und eine Gasse für den Slang und die Kämpfe der Straße. Der sehr belesene, wenig gelesene Alban Nicolai Herbst verachtet all jene, die ohne jede Kenntnis der Literatur- und Geistesgeschichte der letzten 300 Jahre naiv draufloserzählen. Alle wollen keine Knechte des Marktes sein - und dann gibt einer nach dem vierten Bier zu, dass doch die Welt auf den Berlin-Roman wartet, den er zu schreiben gedenke, was eine Riesenchance und ebensolche Belastung sei. Nur Joseph von Westphalen schwebt mit heiterer Eleganz über den Dingen - vielleicht, weil er schon 54 ist und durch seine pure Anwesenheit den Generationsbegriff dahin führt, wo er hingehört: ad absurdum. Er gibt den vergnügten Lohnschreiber, der zur Finanzierung der töchterlichen Zahnspange ("Die kostet, wenn man sie von vorne nicht sehen soll, 30 000 Mark") nicht nur Romane schreibt, sondern über Nacht den Spaghettiprüfer al dente (98 Mark) rezensiert und nicht mal einem Gourmetmagazin absagen mag - wenn er denn über Wein schreiben darf, der billiger ist als Benzin.

Für Geld machen wir alles heißt sein Vortrag, aber dann hat der Spaß ein Ende. Es geht um jenes Phänomen, das keiner definieren kann, manche schon für tot halten, aber den Betrieb auf Temperatur hält - die Popliteratur. Sie ist schön, weil da, wie die Schriftstellerin Sylvia Szymanski inmitten der Tutzinger Tumulte sagt, "jeder mitmachen kann, ohne studiert zu haben". Und sie macht Ärger, weil alle Popphänomene sich ihrer selbst mittels Ein- und Ausgrenzung vergewissern und also Minderwertigkeitsgefühle mobilisieren. Falsche Hose, falsche Platte - raus bist du. Und das ist meistens die Mehrheit. Selbst unter all ihren Kollegen, in der massiven Selbstverliebtheitsballung des Schriftstellerhaufens, sind die Mitglieder des "popkulturellen Quintetts" und ihre Freunde, geschart um ihr größtes Talent, den schildkrötenhaft unbewegten Christian Kracht, immer noch eine Spur cooler. Sie provozieren in dreierlei Hinsicht: Sie handeln vom Populären, ihr Gestus und ihre Gesinnung sind elitär. Ihre Inhalte, Formen, Überzeugungen wechseln so schnell, wie sich die Oberflächen, Marken, Moden ändern, die sie beschreiben. Und ihr historisches Bewusstsein ist naturgemäß schwach ausgeprägt.