Geht ein Mann zum Arzt. Keuchend tastet er sich an der Wand entlang. Er ringt nach Atem, seine Beine knicken alle paar Schritte ein, dann nimmt er einen Zug aus der Sauerstoffflasche. Der Mann ist 32 Jahre alt und wiegt 330 Kilo. Er ist auf dem Weg zu einer Magen-Bypassoperation.

Seine Krankheit wird in den USA obesity genannt. Fettsucht. 18 Prozent der Amerikaner leiden darunter. Obesity ist eine Volkskrankheit, und vor allem die Armen sind fett. Die Ursache ist bekannt. Die Leute essen zu viel Schund. Zu viel Zucker, zu viel Fett. Und sie bewegen sich zu wenig. Kinder beginnen den Tag mit einem Doughnut und essen abends einen doppelten Cheeseburger, davor und dazwischen wird genascht und nur Limonade getrunken, wie die Washington Post ekelgeschüttelt schreibt.

Vielleicht interessieren sich einige dafür. Die Mehrzahl der Fettsäcke aber sitzt offenbar vor dem Fernseher und sieht sich Werbespots für Schokoriegel an, während sie Kartoffelchips mampft. Denn die Epidemie breitet sich aus.

Es gab in den USA schon einmal eine Epidemie mit schrecklichen Folgen. Sie wütete sehr lange, bis jemand zu sagen wagte, dass die Krankheit, der Lungenkrebs, durchs Rauchen verursacht werde. Natürlich wurde er wegen Verleumdung belangt. Doch danach wurde die Tabakindustrie zu Entschädigungen in Milliardenhöhe verurteilt.

Auch bei der amerikanischen Variante der Fettsucht lässt sich ein Schuldiger ausmachen. Auch diesmal wird es sehr lange dauern. Aber ich nehme an, dass eines Tages auch die Nahrungsmittelindustrie Entschädigungen wird zahlen müssen. Denn nicht die Fressorgien der Russen, nicht die Schlemmermahle der Franzosen und nicht die Spaghettiberge der Italiener bringen 300-Kilo-Menschen hervor. Der Täter ist - das sagt mir mein Gefühl - Junkfood made in USA: Diese magenumdrehende Süße in allem und jedem, das billige Knabber- und Knusperzeug, die Fertigsaucen, Hormone im Fleisch - alles was künstlich ist, in Labors präpariert, in Fabriken montiert, vom Fließband herab auf unkritische Konsumenten geschüttet, in Familienpackungen zum Sonderpreis weltweit in speziell dafür gebauten Riesenmärkten verhökert.

Eines Tages, wenn die Kosten für die Behandlung der Fettsucht den Staat stärker belasten als Raumfahrt oder Wahlkämpfe, wenn die Airlines die Sitze in ihren Maschinen verbreitern müssen und Kleinwagen keine Käufer mehr finden, werden sich Untersuchungskommissionen damit beschäftigen, ob der Dickmacher nur in tiefgefrorenen Pommes sitzt oder auch in Pizzas und in Softdrinks. Und es wird sich herausstellen, dass er überall sitzt. Und dann treten die ersten Anwälte auf, die sich selbstlos in den Dienst ihrer fetten Klienten stellen und bei der Nahrungsmittelindustrie Schadensersatz einklagen. Die wird zahlen, wie auch die Tabakindustrie gezahlt hat, da die Regierung inzwischen neue Märkte in den Entwicklungsländern erschlossen hat und neue Riesenmärkte entstanden sind, damit die Afrikaner endlich einmal satt werden.

Mit China werden schon entsprechende Handelsgespräche geführt, wie man weiß. In früheren Perioden galt dort Fettleibigkeit schon einmal als Ausweis des Wohlstands. Deshalb wird es nicht schwer sein, den doppelten Cheeseburger und den Big Mac in China heimisch zu machen. Bis das Durchschnittsgewicht von anderthalb Milliarden Chinesen allerdings bei 300 Kilo liegt, muss noch viel Cola den Yangtse hinunter fließen, was die entsprechenden Aktionäre kaum erwarten können.