Die Krise kam nicht über Nacht. Zwar waren die schwarzen Konten, die aufgrund der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Millionenkoffers von St. Margarethen aufgedeckt worden waren, in der an Affären nicht gerade armen Parteiengeschichte Deutschlands etwas wirklich Neues, aber möglich waren sie nur auf dem Boden der eigentlichen viel größeren, im Laufe der Jahre immer weiter schwelenden Krise, nämlich des langsamen Verfalls der innerparteilichen Demokratie und des Aufbaus eines Personenkultes um Helmut Kohl, der zum Beispiel auf dem Parteitag in Erfurt 1998 - sechs Monate vor der Bundestagswahl - dazu führte, dass die Delegierten volle 16 Minuten eine schwache Rede Helmut Kohls mit Standing Ovations beklatschten, obwohl fast alle wussten, dass eben wegen des Parteivorsitzenden die Bundestagswahl nicht mehr zu gewinnen war. Helmut Kohl hatte ein geistiges Sultanat errichtet, das sich von der von griechischen Tyrannen geforderten Kynesis nur dadurch unterschied, dass die Ungehorsamen nicht ermordet, sondern mithilfe bestimmter Zeitungen, die selber dem Personenkult verfallen waren, als Verräter und Dissidenten zu Außenseitern abgestempelt wurden. Die europäischen Erfolge, ein Ergebnis einer gewollten politischen Strategie Helmut Kohls, und die deutsche Einheit, deren alleinige Vaterschaft Helmut Kohl zu Unrecht für sich beansprucht, stärkten das Omnipotenzgefühl beim damaligen Bundeskanzler und überdeckten den Zerfall demokratischer Strukturen.

Die Gründe für die Niederlage 1998 lagen nicht nur im Scheitern des Bündnisses für Arbeit und der verlorenen Sozialstaatsdiskussion, sondern auch in der Weigerung Helmut Kohls, den Weg für Wolfgang Schäuble freizumachen, um so den weit verbreiteten Wunsch nach einem Wechsel in den eigenen Reihen zu antizipieren. Dass Helmut Kohl nach dem Ende des Bundesparteitages in Leipzig 1997 einem schon vorher bestellten Fernsehteam von Pro 7 verkündete, dass Wolfgang Schäuble sein Nachfolger sei, dies aber erst ab dem Jahre 2003 gelte, war ein unglaublicher, aber signifikanter Vorgang. Damit war Schäuble nicht mehr Nachfolger aus eigener Kraft und durch die Autorität des Parteitages, der ihn für seine Rede gefeiert hatte, sondern der Nachfolger von Kohls Gnaden und konnte natürlich in dieser Rolle auch manipuliert werden. Kohl konnte ihn ebenso wieder fallen lassen, was dann auch geschah. Das Ganze wäre eigentlich ein Fall für den Bundesvorstand gewesen. Es war aber nicht anders als zum Beispiel vier Jahre vorher bei der für die CDU lebensgefährlichen und von Helmut Kohl im Alleingang vorgenommenen Nominierung Steffen Heitmanns zum Bundespräsidentenkandidaten: Die Widerständler konnte man an einer Hand abzählen. Heute bedauert Wolfgang Schäuble selber, dass er "nur loyal" gewesen sei. Dies festzustellen hat nichts mit zwanghafter Kohl-Kritik zu tun, aber sehr wohl mit der Zukunft der CDU nach dem bevorstehenden Parteitag. Die Fixierung der Partei auf eine Person ist in hohem Maße problematisch. Man darf Loyalität nicht mit Gehorsam verwechseln. Eine demokratische Partei muss sich von einer Führerbewegung dadurch unterscheiden, dass sie die Loyalitäten richtig ordnet: Die erste Loyalität gehört dem Land und seinen Menschen und dann den Grundwerten und politischen Inhalten der Partei, deren Mitglied man ist, und dann kommt die Loyalität zu den Personen, und zwar in dieser Reihenfolge. Die Loyalität zu den Personen muss wieder abhängig gemacht werden davon, inwieweit diese Personen loyal sind zum Staat, zur Verfassung und zu den Grundsätzen der Partei. Diese Reihenfolge ist auf den Kopf gestellt worden. Die Loyalität zur Person Helmut Kohl war die oberste Priorität. So entwickelte sich der Personenkult zum Krebsübel der Partei. Man vergaß, dass Solidarität und Loyalität keine Einbahnstraßen sind. In einer stark ausdifferenzierten Gesellschaft entscheiden aber solche Kriterien darüber, ob eine Partei wie die CDU Volkspartei bleibt oder nicht. Sie begeht einen Fehler, wenn sie ihre inhaltliche und personelle Repräsentanz auf eine einzige Person reduziert.

Das Gerede, die neue CDU-Führung müsse die Bandbreite nach rechts abdecken und verhindern, dass eine Partei rechts von der CDU entstehe, ist so trivial wie antiquiert. Nicht der Mangel an strammer nationaler Gesinnung war die Ursache für die CDU/CSU-Wahlkatastrophe 1998 (37 Prozent, gegenüber 48,8 im Jahre 1983). Die CDU hat vielmehr in der Mitte verloren - 1,6 Millionen Wählerinnen und Wähler gingen an die SPD und in Ostdeutschland 175 000 an die PDS. Das alles waren keine nationalkonservativen Stammwähler der CDU. Das Ergebnis war eindeutig: Wer nach rechts rückt, wird links regiert. Die Partei sollte wieder ihre Seele entdecken: das christliche Menschenbild mit seinen klaren politischen Konsequenzen für eine Gesellschaft mit menschlichem Gesicht, gerade in einer von Wissenschaft und Technik und Ökonomie entfesselten Welt.

Die CDU ist 1946 als eine Partei neuen Typs entstanden, in dem die geschichtlich-politischen Ströme der Konservativen, Christlich-Sozialen und Liberalen zu einer Union zusammengefasst wurden. Die CDU ist nicht eine konservative Partei, sondern eine christlich-demokratische. Das ist mehr als ein feiner Unterschied.