Bei heulendem Wind, in pechschwarzer Nacht und mit wild bewegtem Meer setzt die Handlung ein. Wenn sie zu Ende geht, ist es wieder so. Man könnte die Wellenberge des ersten und des letzten Bildes nahtlos aneinander kleben.

Zwischen beiden Sturmnächten aber liegt eine Geschichte: rührend, tiefsinnig, nicht ohne humorvolle Einlagen, reich an Poesie und auf gute Art vieldeutig.

Eine Sturzsee hat jemanden - oder etwas - an den Strand gespült. Ein zerzaustes Häufchen Elend mit den tragischen Augen der alten Adele Sandrock, rigoros von Obhut und Sicherheit entfernt, aus dem Nest geworfen, das man auf einem Felsen draußen vor der Brandung vermuten kann. Ein kleines Meerwesen, das entfernt an einen Papageientaucher erinnert, wären da nicht die Schuppen auf dem Bauch. Der Schock zwingt es zum Verkriechen

ein selbst gebauter Iglu aus Steinen soll das eingebüßte Nest der Kindheit ersetzen. Zum Schwimmen ist es noch zu schwächlich, und Fliegen hat es noch nicht gelernt, aber dass es irgendwann zurück ins Meer muss, sagt dem ernsthaften kleinen Wesen ein Instinkt. Das Meer ist seine Bestimmung, seine Heimat. Andererseits aber auch furchterregend. So groß!

Die Sehnsucht bringt das kleine Meerwesen um den Schlaf. Im Rauf und Runter der Gefühle stößt es schon mal den einzigen Freund vor den Kopf, eine Winkerkrabbe. Anhänglich, sentimental, der typische Loser, ist diese zum Glück nicht nachtragend. Ihre verzweifelte Lebensidee ist es, zum Künstler berufen zu sein. Klar, dass einem so einer, der mit großen Entschlüssen ringt, bisweilen auf den Keks geht. Bis dann in einer Nacht, als Wind und Wellen wieder mal um die Wette brüllen, der Augenblick der Wahrheit da ist.

Das nun erwachsene Meerwesen schlägt mit den Flügeln. Hebt ab, lässt den Strand hinter sich, taucht in die schwarze Tiefe, steigt wieder empor. Und schwingt sich hinaus in den Sturm, über den Ozean. Endlich in seinem Element.

Dass die Geschichte sehr zu Herzen geht, ist das Verdienst einer seltenen Einheit von Text und Illustration. Bild für Bild nichts als Steine und Sand, Muscheln und Algen, dazu die Meeresweite, der ewig nasse Horizont - und doch nie eine Spur von Monotonie. Feinste Federstriche und zarte Wasserfarben führen die Wandelbarkeit von Meer und Himmel vor, die Vielfalt des scheinbar Kargen, den Zauber der Stimmungen. Bis man das Geröll unter den Fußsohlen zu fühlen meint und das schläfrig machende Schlagen der Wellen hört. Vielleicht sollte man die Winkerkrabbe mal besuchen.