Man nennt es eine Entwaffnung. Dies ist kein papierenes Traktat über den "Niedergang der Streitkultur", es ist eine Demonstration. In vivo führt die Autorin vor, wie das aussieht, was sie vermisst - kultivierter, also radikaler Streit. Wer den Blick auch nur ein wenig versöhnlicher über die Konfliktdemokratie schweifen lässt, muss höllisch aufpassen, um wegen seiner "innigen Sicht" auf die Republik nicht gleich mit auf der Anklagebank zu sitzen. Vorsichtshalber hisst man daher zunächst einmal die weiße Fahne.

Aber zugegeben, so verhält sich das mit geglückten Streitschriften: Beweispflichtig wird, wer anderer Meinung ist. Nur eine leidenschaftliche Journalistin wie Bettina Gaus kann diesen Duktus aus kundiger Argumentation und unangestrengter Zuspitzung so konsequent durchhalten. Der Essay als Leitartikel! Den Repräsentanten der Demokratie sei die Fähigkeit abhanden gekommen, schreibt sie, "komplexe Zusammenhänge so auf ihren Kern zu reduzieren, dass ihr Wesensgehalt nicht verloren geht und sich auch diejenigen ein Urteil bilden können, die nicht beruflich mit Politik befasst sind". Solche Kunst beherrscht sie. Und wie. Komplexes auf den Kern reduziert: So tritt die politische Klasse auf, die Berufspolitiker, die Medien, die Parteien, die Mehrheit. Die Welt wird nicht fein zerlegt in CDU oder SPD, Grüne oder Kohl, FAZ oder RTL. Ist es wirklich eine Verharmlosung, wenn man die CDU- oder Kohl-Affäre in erster Linie auch eine CDU- oder Kohl-Affäre nennt, bevor man auf den Sittenverfall der Parteien insgesamt zu sprechen kommt?

Die Rückkehr aus der Fremde - Bettina Gaus, politische Korrespondentin der taz, berichtete sechs Jahre aus Nairobi - schärft andererseits den Blick für das, was man nur zu gern übersieht. "Wir wissen hier stets ziemlich genau", moniert sie, "in welchem Maße wir uns mit unseren Positionen in Einklang mit der Mehrheit befinden." Hierzulande habe man sich zu sehr an die "Kanalisierung von Meinungen" gewöhnt. Wie wahr. Zu strikt, ja habituell denkt sie gegen den Strich, als dass man bloß modische Parteienkritik, Zeitgeist oder Ressentiment darin erkennen würde. Manchmal ist das ein Drahtseilakt. Aber zu denen, die überall politische Korrektheit argwöhnen und die Gutmenschen anklagen, zählt sie nun gerade nicht.

Zum Glück wird aus der Gardinenpredigt keine fundamentalistische Abrechnung.

Ihre strukturelle Kritik am herrschenden Konformismus, dem Beruf Politik und der Verfasstheit der Medien belegt Bettina Gaus inhaltlich mit dem letzten Kapitel. Es geht um den Krieg ohne UN-Mandat, die Nato-Intervention am Kosovo, den "schweren Fehler", und es geht um Europa, das ausschließlich an sich und dem Verhältnis zu den USA interessiert sei. Von der Entwicklung kann sie sich bestätigt sehen. Aber ist die Bundesrepublik ein solches Seniorenheim, ist sie weniger streitlustig als früher?

Für die politische Klasse heute mag es gelten, für die Gesellschaft so pauschal nicht. Aber es kommt ja auch nicht aller Segen von oben, wie gerade Bettina Gaus beweist. Was fehlt, und was ihr fehlt, ist, um ihre These zuzuspitzen, eine intellektuelle Linke oder auch eine Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, die sich auf der Höhe der Zeit befände. Politik allerdings ist heute nicht gleichzusetzen mit Politik, wie sie einmal war.

Auch der schönste Meinungsstreit in der gleichmacherischen Medienwelt von heute führt dahin nicht zurück. Man könnte tausend Rückfragen stellen. Und dennoch: Es gibt die Tyrannei der Mitte. Kein Streit über den fehlenden Streit! Das, was Bettina Gaus ansteckend temperamentvoll vermisst, vermisst man letztlich auch selber.