Eigentlich hätte die Hamburger Premiere von Merlin oder Das wüste Land schon vor zwei Jahrzehnten stattfinden sollen: Damals, 1979, wollte Peter Zadek das Stück zum Theater der Nationen ganz groß herausbringen. Das Vorhaben scheiterte - die Uraufführung ging nach Düsseldorf. Inzwischen ist Tankred Dorsts kolossales Bühnenepos, das, im Kostüm des großen Ritterspektakels, nichts weniger als die Geschichte der Menschheit, den ewig scheiternden Traum von einer besseren Welt zum Thema hat, selbst ein Stück Geschichte geworden - und genau so lesen es Jossi Wieler und sein Dramaturg Tilman Raabke am Deutschen Schauspielhaus: als eine Historie der Nachkriegsdemokratie, eine pessimistische Gesellschaftsdiagnose, verfasst im Deutschen Herbst der späten Siebziger, eine Zeitrei se von der dunklen Stunde null, dem Zusammenbruch der Hitlerei, bis zur schicken, von Gewalt und Egomanie geprägten, kaputten Gegenwart. Keine Spur mehr von Märchen, Mythen und Mittelalter, von Ritter- und Teufelszeug, von Clownerie und Hokuspokus: Der Hamburger Merlin (Michael Wittenborn) ist ein moderner Entertainer, ein Conférencier, die Tafelrunde des König Artus eine Wirtschaftswunderparty, die Gralssuche ein terroristischer Kinderkreuzzug oder die Nabelschau skurriler Gurus und Zottelbärte. Assoziationen zuhauf (von Dutschke bis Wojtyla), hübsche Miniaturen, ironische Bravourstückchen. Wielers Viereinviertelstundenfassung (55 von 96 Szenen) wirkt elegant, intelligent, plausibel - aber durchweg auch zu kalkuliert. An die Stelle erzählerischer Fülle, kraus, bizarr, bunt und widersprüchlich, tritt kühles Understatement. Zu glatt geht alles auf, zu übersichtlich wird die Geschichte, zu wenig ist zu spüren von dem, was die Theatermacher an Dorsts Monumentaldrama bewegt haben könnte: Hoffnung?

Zweifel? Trauer? Schmerz?