Italien und Frankreich sind die beiden Länder, in denen die RAF am nachhaltigsten zum Mythos verklärt wurde. Eine Spätfolge davon ist derzeit am Mailänder Piccolo Teatro zu besichtigen: Materiali per una tragedia tedesca, das trotz kräftiger Striche satte vier Stunden dauernde Opus magnum des Turiner Malers und Dramatikers Antonio Tarantino. 85 Szenen mit ebenso vielen Personen, 200 Druckseiten stark, beschwören in einer Mischung aus Requiem und Kabarett, Kitsch und Klamotte den Deutschen Herbst '77. Das hat, wie alles Monströse, eine gewisse Faszination - aber sie hält nicht lange an, zu vorhersehbar ist der Text, zu prätentiös, zu langweilig. Nicht Analyse, gar Demontage von Machtsystemen wird gezeigt, nur eine Anhäufung von Klischees

es gibt keine Aktionen, keine Situationen, nur Redeschwälle.

Eine Jelinek, ein Goetz können aus solchen Wortkaskaden das wie auch immer verzerrte Abbild einer Gesellschaft komponieren, Tarantino gelingt das nicht.

Seine Sprechmaschinen, die Schmidt heißen oder Filbinger, Siad Barre oder Baader, bleiben abstrakt und untheatralisch, sie vermitteln nicht deren Obsessionen, nur die des Autors.

Wenige Szenen nur, bezeichnenderweise die ohne Promis, überwinden die Stumpfheit. In den Monologen der Landshut-Passagiere, in der Figur des alten Bergmannes, der sich den "Negern" nahe fühlt, weil er selbst oft schwarz war vom Kohlenstaub, gibt es überraschende, auch anrührende Momente. Aber weder bei den Politikern (böse böse) noch bei den Terroristen (das Wahre, Gute, Schöne) reicht es zu solchen poetischen Überhöhungen. Tarantinos "lebendes Marionettentheater" will das Geschehen nicht realistisch nacherzählen, doch es folgt seinem Ablauf aufs Genaueste (wenn auch mit einigen Fehlern im Detail). Schmidt, Strauß und Wischnewski sind nicht als individuelle Porträts gedacht, sondern als Prototypen von Politikern. Deshalb wird der Kanzler presidente genannt, wie der von Daimler-Benz oder von Somalia, und Springer, der über Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen verfügt (!), verweist deutlich auf Berlusconi. Aber diese Überfrachtungen sind Teil des Problems - weil Tarantino zu viel auf einmal will, erreicht er letztendlich gar nichts.

Und dass er am Schluss das ganze Geschehen zum Traum des alten Bergmanns erklärt, wirkt wie ein fadenscheiniger Trick, der die Ungereimtheiten und Absurditäten rechtfertigen soll.

Der preisgekrönte Text, bewundert viel und viel gescholten, hat auf seine Uraufführung lange warten müssen - dafür fand sie nun aber auch am berühmtesten Theater des Landes statt. In Szene gesetzt hat sie Cherif, ein tunesischer Regisseur, der seit langem in Italien arbeitet und auch die anderen Tarantino-Stücke herausbrachte.