Es ist nicht zu bestreiten: In der Bundesrepublik steht die allgemeine Wehrpflicht ganz oben auf der Liste der bedrohten Institutionen.

Jahrzehntelang ist sie mit der Lage des Landes an der gefährlichsten Grenze Europas begründet worden. Das war ein plausibles Argument und erklärt die hohe Zustimmung, die die Wehrpflicht bis heute genießt: Noch immer sprechen sich zwei Drittel der Deutschen dafür aus, sie beizubehalten. Doch es gibt ein Problem: Seit 1989 ist der Kalte Krieg vorüber, die letzten russischen Truppen haben deutschen Boden vor sechs Jahren verlassen. Weit und breit ist kein Gegner zu erspähen, der die Republik noch zur Landesverteidigung alten Stils zwingen würde.

Wer diese Tatsache in der Hoffnung bestreitet, die gefährdete Wehrpflicht zu stabilisieren, tut seinem Anliegen keinen Gefallen. Doch leider hat die Wehrpflicht überwiegend Freunde, die ihre eigene Position untergraben. Mit Vorliebe beschwören sie die - irgendwie - weiter bestehende Bedrohung deutscher Sicherheit. Gerne reden sie von der nötigen "Aufwuchsfähigkeit" der Bundeswehr im Krisenfall. Düster prophezeien sie die Unfähigkeit einer Freiwilligenarmee, adäquaten Nachwuchs zu rekrutieren. "Die Wehrpflicht ist Teil des Sicherheitsabstands von den Gefahren einer ruhelosen Welt", raunt etwa der Historiker Michael Stürmer.

Alles nicht falsch - und doch zur weiteren Legitimation der Wehrpflicht nicht genug. Gewiss wäre die Annahme naiv, in Mitteleuropa werde es fortan stets friedlich zugehen, nur weil gegenwärtig keine Krisen abzusehen sind. Doch allein mit Beweisführungen aus dem Arsenal militärischer Logik und strategischer Weitsicht wird die Wehrpflicht künftig nicht mehr zu verteidigen sein. Wer sie vor den bevorstehenden Attacken ihrer Gegner in Schutz nehmen will, muss zunächst begreifen, dass diese auf einer völlig anderen Ebene argumentieren.

Was der Wehrpflicht den Garaus machen könnte, wird nicht neue militärische Einsicht sein, sondern eine politische Zufallskonstellation aus staatlicher Haushaltsnot und libertärem Individualismus, der in der Pflicht zum Dienst am Gemeinwesen nichts anderes erblickt als skandalöse Freiheitsberaubung.

Letztlich ist es vor allem diese Grundströmung, gegen die das Prinzip verteidigt werden muss. Die Befürworter der Wehrpflicht müssen bei ihrer Argumentation das säkulare Phänomen der Abwendung vom Staat in Rechnung stellen. Tun sie das nicht, wird die Bundeswehr zur bloß noch verächtlich geduldeten, finanziell ausgepowerten Söldnertruppe am Rande der Gesellschaft herabsinken.

"Dass die Bürger heute weniger bereit sind, sich den Gesetzen des Staates zu unterwerfen, als in der Vergangenheit", hat kürzlich der Historiker Eric Hobsbawm als Großtrend in allen westlichen Gesellschaften ausgemacht. Die neue Situation bestehe darin, "dass man diese Bereitschaft der Menschen, eine höhere Macht über sich anzuerkennen, nicht mehr als selbstverständlich unterstellen kann". In der Tat, so ist es wohl. Das zentrale Argument bei der nötigen Neubegründung der Wehrpflicht im Lichte der veränderten Leitbilder lautet daher: Es gibt sie doch gar nicht mehr. Formal ist die Wehrpflicht zwar die Norm und der Ersatzdienst ebendies: Ersatz. Doch de facto haben die wehrfähigen jungen Männer längst die bunteste Auswahl zwischen Militär und zivilen Diensten aller Art. Wer möchte, pflegt Gräber in Polen oder schließt sich daheim auf dem Dorf der freiwilligen Feuerwehr an. Zur Bundeswehr geht nur noch, wer seinen Dienst wirklich dort leisten möchte. Aus der Wehrpflicht ist, im Takt der individualisierten Zeit, eine Dienstpflicht geworden