Dieses schrecklich finale Präteritum. Günter Metken war. Er war unser Autor, Kollege, Freund. Er war Kunstkritiker, Essayist, früher auch Ausstellungsmacher. Vor ein paar Tagen noch hätte man das alles im Präsens gesagt. Und dann, so selbstverständlich wie schon viele andere Texte auch, den Bericht über das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris gedruckt.

Jetzt ist Günter Metken während einer Reise durch Libyen an den Folgen eines Autounfalls gestorben.

Reisen war für Metken nicht Urlaub oder Termin, Erholung oder Anstrengung.

Überhaupt teilte sich sein Leben, das immer das heikle und schöne Leben eines freien Autors war, nie in diese Kategorien von Ferien und Arbeit, Alltag und Wochenende. Und so waren auch seine vielen Reisen in oft sehr ferne Länder, die er mit seiner Frau unternahm, mit der er in einer symbiotischen Lebens-und Arbeitsgemeinschaft verbunden war, die Expeditionen eines Privatgelehrten mit den für diesen Status selbstverständlichen schriftlichen Folgen. Die Ankunft am fremden Ort war, ob in Südostasien oder Prag, im koptischen Wüstenkloster oder im Haus des Architekturexzentrikers Sir John Soane in London, für Günter Metken immer die doppelte Möglichkeit, durch die Konfrontation mit einer neuen Realität auch etwas über sich selbst zu erfahren, vielleicht einen fernen Gleichklang zu vernehmen und in dieser Wahrnehmung im Sinne des Ethnologen auch ein Stück unangestrengter Aufklärung weiterzugeben. "Diesen Impulsen nachzugeben", so schrieb er in seiner großen Essaysammlung In Künstlers Lande gehen, "gehört dann schon zur Ökonomie des Glücks."

Andere, Selbstdarsteller und Kontenführer im Kunst- und Denkgewerbe, hätten aus diesem Ansatz eine Methode gepäppelt, ihr Etikett draufgeklebt. Metken, der zierliche Mann mit der leisen Stimme, sprach von der Ökonomie des Glücks.

Eine Formel, in der sein immenser Fleiß und seine friedliche Gelassenheit gut untergebracht sind. Nie drängte er sich auf mit einem Text, oft musste man ihm zu sich selbst zureden. Nie schwadronierte er von seinen Plänen, seinen großen Taten, die beträchtlich sind. Ausstellungen wie die über die Präraffaeliten 1974 oder die große Realismusschau in Paris von 1980 gehören dazu. Ein frühes Büchlein über Comics, sein Kurzführer durch die documenta 8, eine Anthologie über die Surrealisten, sodann der mit Werner Spies und Sigrid Metken gemeinsam edierte OEuvre-Katalog von Max Ernst, eine gewaltige Arbeit, über Jahre hinweg. Ebenso wichtig aber war ihm eine kleine Sammlung seiner Aufsätze über Grenzgänger zwischen Kunst, Musik und Literatur, für die er eine kongeniale Disposition hatte. Und schließlich ist da jene zusammen mit Uwe M. Schneede 1974 gezeigte Ausstellung, in der er einem neuen Kunstgenre den Namen gab und eine Geschichte: Spurensicherung. Die Gespräche mit Claude Lévi-Strauss und die Lektüre seiner die klassischen Wissenschaftskategorien unterlaufenden Bücher Das wilde Denken und Traurige Tropen waren für Metken, der das absolute Gehör hatte für die Grenzfälle zwischen Kunst und Wissenschaft, Aufbruchsignal und Bestätigung zugleich. Wobei ihn vielleicht nur seine Diskretion davon abhielt, dem Zeitgeist den Spiegel vorzuhalten. Es sei denn, in einer Formulierung wie dieser: "In einem Moment, da reine Oberflächenkultur den Zeitablauf zur ewigen Gegenwart ohne Einschnitte glättet, regt sich die Neugier nach dem, was darunter sein mag."

Günter Metken wurde 1928 in Duisburg geboren, er lebte in Paris, er starb in Tripolis. In der Fremde, in der er sich fand, ging er uns verloren.