Kaum einen Albaner gab es, der vor dem Krieg im Kosovo nicht nach zwei Minuten serbische Generalstabspläne auf die Papierserviette zeichnete.

Zickzacklinien zur Aufteilung der Region, Keile für die Abtrennung der Bodenressourcen, Hufeisen zur Vertreibung der Bevölkerung. Auch der bulgarische Geheimdienst hat solche Servietten gewiss ordnungsgemäß eingesammelt. Von ihm mag dann das am wenigsten zerknüllte Papierchen an die Bundeswehr geraten und dort sorgsam glatt gestrichen worden sein. Rudolf Scharping präsentierte die Reste vor einem Jahr als Milosevics "Hufeisenplan" zur Verjagung der Kosovaren. Heute nun fragen einige Oppositionspolitiker und Friedensforscher bierernst nach Beweisen für einen echten Vertreibungsplan.

Scharping rückt sie nicht raus. Das führt zu der Frage: Hat der Minister sich selbst ein wenig als Hufschmied versucht? Musste Rudolf der Starke eine Legende zurechtbiegen, weil der Kosovo-Einsatz eben doch keineswegs nur aus humanitären Gründen erfolgte? Weil die Amerikaner zum Beispiel die Nato out of area vorschieben wollten? Weil die zerstrittene Nato ohne den Krieg eher zerbrochen wäre als mit ihm? Der Eingriff im Kosovo, der alle seine propagandistischen Ziele verfehlte - Beendigung der ethnischen Säuberungen, Entmachtung der jugoslawischen Armee -, war reichlich glücklos, deshalb braucht er Scharpings Hufeisen wohl weiter.