Athen/Halkida

Gemächlich durchkreuzt das Boot den Hafen von Halkida. Rote Leuchtfeuer brennen auf einem Dutzend voll beflaggter Kähne. Feuerwerkskörper zerplatzen am Abendhimmel, aus den Lautsprechern an der Uferpromenade plärren Chöre in Flugzeugturbinenlautstärke. Dort wartet das vieltausendköpfige Volk und schwenkt kleine grüne Fahnen. Das Boot landet am Kai, künstlicher Rauch vernebelt die Sicht. Den Schwaden entsteigt ein kleiner, schmächtiger Mann mit kahlem Haupt und gemäßigt roter Krawatte. Er erklimmt das Podium, reißt die Arme hoch, so weit der gut verknöpfte blaue Anzug es erlaubt, geht zum Rednerpult und setzt die Lesebrille auf. Die Menge gerät außer Rand und Band vor Begeisterung. So sieht es zumindest hinterher im Fernsehen aus.

Kostas Simitis, 63 Jahre alt, Professor für Handelsrecht und seit 1996 griechischer Ministerpräsident, ist nicht gerade ein Volkstribun. Der Mann offeriert Zahlen und Fakten. Die Rolle des mythischen Erlösers, die ihm der Regisseur der Wahlveranstaltung in Halkida zugedacht hat, liegt ihm gar nicht. Doch Simitis muss kämpfen. Die Parlamentswahlen am 9. April sind unerwartet zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen seiner sozialdemokratischen Pasok und der konservativen Nea Dimokratia ausgeartet. In Halkida, dem Hauptort der Insel Euböa, wollen die Verlierer der Modernisierung direkt angesprochen werden: die Kumpel der stillgelegten Braunkohlenbergwerke, die Bauern der nicht mehr subventionierten Olivenhaine, die Arbeiter des abgewickelten Kohlekraftwerks. Den Pasok-Slogan "Die Zukunft hat begonnen" begreifen sie als unverhohlene Drohung. Also versucht Simitis, die Ängste zu mildern. Er löst einen Jackettknopf und sagt: "Die nächsten vier Jahre werde die Jahre des Sozialstaats, der Umschulung, der Arbeitsplatzbeschaffung sein." Erleichterter Jubel. Von den Erfolgen der vergangenen vier Jahre erzählt Simitis auch. Doch da bleibt der Beifall aus.

Was in Halkida keinen Eindruck macht, ist für andere eine brillante Bilanz: Kostas Simitis verändert sein Land. Er befreit es mit buchhalterischer Beharrlichkeit von Subventionitis und balkanischem Radau - und führt es so nach Europa, ohne Rückfahrkarte. Griechenland hat Anfang März die Aufnahme in die Europäische Währungsunion beantragt. Für das notorisch verschuldete Land ist das eine Revolution. Simitis drückte die Inflation von zweistelligen Zahlen auf gut zwei Prozent. Er verdreifachte die Devisenreserven und trägt die unter seinem Vorgänger Andreas Papandreou aufgetürmten gigantischen Staatsschulden mühselig, aber stetig ab. Die Anstrengung wird die EU voraussichtlich belohnen und das Land zum 1. Januar 2001 in die Euro-Zone aufnehmen.

Der Weg nach Europa führt über die "Zivilisierung" der inneren und äußeren Beziehungen Griechenlands, meint Simitis. Europa betrachteten die Griechen früher mit Argwohn aus der Ferne, heute wollen sie unbedingt dazugehören.

Dass alles Heil der Zukunft in der Erfüllung der Brüsseler Stabilitätskriterien liegt, weiß mittlerweile jeder Kioskverkäufer nachzuplappern. Zwar verstehen nur wenige die abstrakten Zahlen, doch alle begreifen: Die Zeit des Durchwurstelns geht zu Ende, auf staatlicher wie auf privater Ebene. Zähneknirschend stellt der Obsthändler die elektronische Registrierkasse auf. Aus Vorsicht: Notorische Steuerhinterzieher werden öffentlich an den Pranger gestellt und rechtlich verfolgt. "Simitis denkt in Regeln", sagt ein Athener Computergroßhändler. "Wir spüren, hier werden Normen gesetzt, an die sich alle zu halten haben."

Viele Griechen fürchten den genauen Rechner Simitis. Der Geldregen über den trockenen Äckern der Bauern wird schwächer und seltener. Eine Gemeindereform legt Dörfer zusammen und lässt Postämter und Polizeistationen verschwinden.