Die Aufforderung, die Zeit und die Politik Wilhelms II. neu zu bewerten, ist mitnichten lächerlich oder unnütz. Betrachtet aus der Perspektive der internationalen Politik und des internationalen Systems, fiel und fällt die Führung des europäischen Kontinentes, in der englischen Bedeutung des Wortes, nolens volens den Deutschen zu. Das Ende der Kleinstaaten nach 1870/71 machte diese Schlussfolgerung zwingend. Deutschland liegt nun mal in der Mitte Europas, was nur zwei Folgerungen zulässt. Entweder Koalitionen der kleineren Nachbarn aus Furcht vor diesem Koloss und daher zwingend Krieg oder eine EU unter der Führung Deutschlands.

Der wahre Grund für das Unverständnis von Ullrich & Co. liegt auf der kulturellen Ebene. Was hier aufeinander prallt, ist die angelsächsische und die deutsche akademische Tradition der Geisteswissenschaften. Ich habe das Buch von Niall Ferguson gelesen, und es ist alles das, was eine jede geisteswissenschaftliche Arbeit eigentlich sein sollte und was man in deutschen Publikationen seit 1933 meist vergeblich sucht: gründlich recherchiert, leserlich geschrieben und doch präzise formuliert und mit einem Argument versehen.

Der Counterfactual-Approach der neuen englischen Historikergeneration sträubt sich vielmehr nur gegen die Vorstellung, die Geschichte sei eine Art gottgegebenes Drehbuch und eröffne uns somit die Möglichkeit, den Ablauf der Geschehnisse wirklich zu verstehen. Nur so können wir wirklich hoffen, jemals etwas "aus der Geschichte zu lernen".

Philip Alexander Hiersemenzel, Bologna