Die Kraniche treten den Morgenspaziergang an. Ihr Reisfeld ist ein jadegrüner Teppich, ihre aufgehende Sonne ist der flackernde Schein von ein paar Teelichtern. Stille liegt über dieser Miniaturlandschaft, einem Thermopane-verglasten Meditationsraum auf der Ostseeinsel Usedom. Tapsig noch, doch in sich selbst vertieft, setzen die Teilnehmer des gerade beginnenden Tai-Chi-Wochenkurses im Seebad Zinnowitz ihre ersten Übungsschritte. Versunken pumpen sie den Brustkorb auf, als wollten sie nach Art des Kranichs sogleich den Abflug machen. Kein Mucks. Nur manchmal knackt ein untrainiertes Knöchelchen, knurrt ein leerer Magen.

Ein Unbeteiligter, der jetzt von der Strandpromenade hereinplatzen würde, käme sich fast vor wie im Wachsfigurenkabinett. Vielleicht hätte er Lust, die Ruhe durch einen Hahnenschrei zu stören, wenn Kursleiterin Dagmar zum Wecken der Lebensenergie Chi aufruft. Doch die Eingeweihten bleiben unter sich. Fast andächtig spürt jeder dem Strömen seines erwachenden Chi nach.

Zu diesem Zweck wird während des Einatmens das Gewicht auf die Fußballen verlagert, die Arme treiben nach vorn und heben sich. Beim Ausatmen sinken die Arme, die Füße ruhen im ausgewogenen Stand. Der Atem schlägt den Takt.

Sphärische Töne einer CD, Titel: Buddha und Bonsai, bringen das Trommelfell leicht zum Schwingen. Und die Frischlinge des Tai Chi stehen vorschriftsmäßig da: fest verwurzelt und beweglich zugleich - wie die Bambuspflanzen vor dem Monsun.

Mit jedem Ausatmen lass ich los Kannst du dich auf den Atem konzentrieren und geschmeidig werden wie ein Neugeborenes?, fragte der chinesische Philosoph Laotse, der vor mehr als 2000 Jahren die Lehre des Taoismus begründete. Er wollte die Welt als ein Gefüge verstanden wissen, das stetem Wandel und Wechsel unterliegt: So wie der Mensch zwischen den Spannungsfeldern von Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Geburt und Tod pendelt, gehorcht auch der Atem dem Mechanismus von Geben und Nehmen. Aus diesem Prinzip des Yin und Yang entwickelten taoistische Mönche die innere Kunst der leeren Faust (Chuan), das Tai Chi Chuan. Im westlichen Kulturkreis liegt das zeitlupenartige Schattenboxen seit einigen Jahren im Trend.

Für Dagmar, Initiatorin und Leiterin der Usedomer Entspannungswoche, allerdings ist Tai Chi mehr als eine Modeerscheinung. Als eine Kombination aus Kampfkunst, Bewegungsmeditation und Atemtherapie begreift sie ihr Metier - als ganzheitlichen Ansatz, dessen Vermittlung vielseitige Kompetenz erfordert und mehr ist als die Lust an einer neuen Sportart. Tai Chi bedeutet gestaltete kosmische Ordnung. Es dauert nicht nur ein paar Turnstunden lang, sondern zielt auf eine bewusstere Lebenseinstellung ab, auf die Einheit von körperlichem und seelischem Gleichgewicht.

Mit jedem Einatmen sage ich ja zu mir, mit jedem Ausatmen lass ich los, raunt Dagmar. Zur Einstimmung ihrer Teilnehmer zelebriert die wendige Frau mit dem hellen Schopf und dem Porzellangesicht einige Praktiken der Bewegungen in meditativer Grundhaltung. Sie breitet die Erfahrungen über den Gesundheitseffekt der Bewegung in Harmonie aus: gestärkte Nerven, stabiler Kreislauf, ideale Körperhaltung sind der Lohn der Disziplin. Doch dann zitiert die Lehrerin schnell Laotse, weil sie ihre Schüler nicht mit zu viel Theorie befrachten will: Eine Tasse zu halten und zu füllen, bis sie überfließt, ist nicht so gut wie rechtzeitig inne zu halten.