Die explosive Spannung des ersten Satzes gibt den Takt vor, dem die eher leise Dramatik der Handlung schrittweise folgt: "Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank."

Noch nicht einmal sechzehn Jahre alt ist der junge Michael, der den Sommer 1963 zusammen mit seinen Eltern irgendwo an der amerikanischen Ostküste verbringt. Das Anwesen seiner Familie, direkt am Ufer, ein geräumiges Haus, dazu ein kleines Gästehaus, das sie seit dem vergangenen Sommer an Leute mit Kindern vermieten, ist der ideale Urlaubsort, zumal Michaels Eltern über die Angela, ein Segelboot verfügen, mit dem man auch auf den Atlantik hinaussegeln kann. Vater und Sohn angeln, fangen Kingfische, Seebarsche, einmal sogar einen Hammerhai, oder diese seltsamen, gefährlichen Stachelrochen. Sie schwimmen oft im Meer, manchmal auch weit hinaus. Einmal, kurz vor Ende der Ebbe, wollen sie zu der Sandbank, die sich einige Tagen zuvor gebildet hatte, dort ausruhen, um dann mithilfe der beginnenden Flut leichter zurückzukommen. Aber das Wasser ist tiefer, als sie vermutet hatten, sodass sie sofort umkehren müssen und mit einiger Mühe wieder das Ufer erreichen. "Vater und ich lagen lange Zeit erschöpft am Strand. Die beiden Hunde beschnüffelten uns, um zu sehen, ob wir noch lebten. Mutter hielt meine Hand. Sie hatte eine Stinkwut auf Vater. Die beiden Mieter, die gerade erst eingezogen waren, blieben bei uns. Mrs. Mertz war in Mutters Alter. Ihre Tochter Zina war, selbst kopfunter betrachtet, schön. (...) Ständig umarmte und streichelte sie ihren Hund, als sei er in Gefahr gewesen und nicht wir. Dann berührte sie meine Wange, nur so aus Neugier, wie mir schien. Ich verliebte mich kopfunter in Zina."

Damit beginnen die Verwicklungen und Verwirrungen, die Michael immer wieder hoffen und auch fürchten lassen und ihm erst am Ende die traurige Gewissheit bringen, dass er die einige Jahre ältere Zina für immer verloren hat. Es beginnt jene erregende Zeit des innerlichen Bebens, des Erschauderns, des bangen Wohlgefühls ängstlicher Erwartung: die erste große Liebe. Jene Zeit, die den Raum der Literatur beschreibt. Die ganze Welt öffnet sich, und der Mensch öffnet sich der Welt. Der innerste Antrieb jeder literarischen Anstrengung wird von solchen Empfindungen gespeist. Das Glücksgefühl der ersten Liebe ist das Energiezentrum, aus dem die Literatur ihre Kraft bezieht.

Ich war mehr durch Zufall auf dieses kleine Büchlein gestoßen, das, von Umfang und Form her, eher Novelle denn Roman zu nennen ist, sah verblüfft den ersten Satz, fing an zu lesen, las und las, gebannt von der sich steigernden inneren Spannung, fasziniert, aber auch irritiert von der Ahnung: das kennst du doch. Bis ich schließlich auf dem Umschlag entdeckte: Turgenjew. Im Sommer 1833 hat sich dessen Geschichte, Erste Liebe, zugetragen. Ich las Turgenjew noch einmal. Es ist dieselbe Geschichte geblieben und doch eine andere, gegenwärtige Liebesgeschichte geworden. Simmons verändert die Vorlage kaum, er überschreibt sie nur. Er übernimmt alle Elemente, Personal, Handlung, auch die Empfindungsdichte.

Der ehemalige Literaturredakteur der New York Times Book Review demonstriert in diesem, seinem fünften Roman die ungebrochene Anziehungskraft der ewigen Themen in der Literatur. Er zeigt, dass eine Literatur, die ihre Energie aus dem Glücksverlangen der Menschen bezieht, auf paradoxe Weise ihre Wirkung verstärkt. Sie trifft auf die Sehnsucht von Lesern, die aus diesem Grund zur Literatur gefunden haben. Der frühe Philip Roth (The Professor of Desire, mit Begierde nur unzulänglich übersetzt) beschrieb dieses Zusammenspiel von Leben und Lesen an seiner Tschechow-Lektüre. Das Verlangen nach Glück führt uns zur Literatur. Hier finden wir die Bilder, nach denen wir im Leben streben, das uns dann wieder zurückverweist an die Literatur.

Der junge Michael, der sich schon geliebt fühlte, wenn der Vater den Arm um seine Schultern legte, verliebt sich im Sommer 1963 und verliert deshalb seinen Vater. Er ist, wenn er aus wehmütiger Erinnerung seine Geschichte erzählt, älter, als es sein Vater je wurde. Die Verklärung ist resignativ abgemildert, der Überschwang melancholisch gebrochen. Es bleibt bei der belegten Stimme, dem Kribbeln zwischen Hals und Magengrube und dem flachen Atem der unbändigen Erwartung.

Hundertdreißig Jahre nach Turgenjews Erster Liebe ist es wieder einmal das erste Mal. Das Muster mag immer dasselbe sein. Nur sind es, hier wie dort, die unverwechselbar Einzelnen, die es ausfüllen. Der Sommer 1963, als der junge Michael sich verliebte und sein Vater ertrank, wird dem Leser unvergesslich.