Anfangs war sich Ministerialrat Hans-Josef Vorbeck seiner Sache noch sicher: "Wir haben von den Amerikanern die Erklärung bekommen, dass sie keine Wirtschaftsspionage betreiben

und wir haben keinen Anlass, dieser Erklärung nicht zu folgen." Selbstbewusst begann Vorbeck seine Ausführungen vor zwei Dutzend deutschen Militärs, Geheimdienstlern und Sicherheitschefs großer Unternehmer. Die Bundesakademie für Sicherheit hatte im Januar auf die Rosenburg bei Bonn geladen, um über ein brisantes Thema zu beraten: Wirtschaftsspionage durch befreundete Staaten.

Vorbeck gilt als Experte. Seit 1987 im Bundeskanzleramt, ist er dort als Referatsleiter auch für das Thema Wirtschaftsspionage zuständig. Doch bei der Januartagung erntete er heftigen Widerspruch. Geheimdienstler wiesen auf die fast unbegrenzten technischen Möglichkeiten des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) hin, der große Horchposten im bayerischen Bad Aibling und im britischen Menwith Hill unterhält.

Jetzt bekamen die Skeptiker eine unerwartete Bestätigung aus erstklassiger Quelle: Bill Clintons ehemaliger CIA-Chef R. James Woolsey räumte in Zeitungsartikeln (ZEIT Nr. 14/00) ein: "Ja, meine kontinentaleuropäischen Freunde, wir haben euch ausspioniert." Als CIA-Direktor hatte Woolsey Einblick in die NSA-Aktivitäten. Allerdings bestreitet er, dass die US-Geheimdienste ihre Informationen an amerikanische Unternehmen weitergeben.

Begründung: "Die meiste europäische Technologie lohnt den Diebstahl einfach nicht."

Allerdings seien die USA zur Spionage gezwungen, weil europäische Unternehmen sich regelmäßig mit Bestechungsgeldern einen Wettbewerbsvorteil erkauften. So habe der europäische Flugzeugriese Airbus 1994 versucht, einen 6-Milliarden-Auftrag aus Saudi-Arabien zu bekommen. Weil die NSA davon erfuhr, konnte die US-Regierung intervenieren. Statt Airbus bekam Boeing den Auftrag.

Das überraschend deutliche Eingeständnis des früheren CIA-Chefs Woolsey kommt zu einer Zeit, in der die NSA mächtig unter Druck geraten ist. Eine zuvor veröffentlichte EU-Studie hatte den Amerikanern massive Wirtschaftsspionage vorgeworfen. Nun fragt man sich in Brüssel, ob Woolsey die volle Wahrheit sagt. Die NSA jedenfalls schweigt bis heute zu den Vorwürfen, will nicht einmal bestätigen, dass sie befreundete Staaten abhört.