Kein Zweifel, diese Frau will aus ihrer Haut. "Ich, ich, ich!", hat sie gerade noch gekreischt, "ich versuche ich zu sagen die ganze Zeit!" Jetzt gibt sie auf: Resultat der Bemühung ist nämlich, dass Klara, unverheiratet und Anfang 30, von zwei falschen Männern ein Kind erwartet. Am Ende bleibt ihr der Griff zu einem knabenhaften Chinesen: Sein T-Shirt und seine Sneakers hat sie schon an, nun zwingt sie ihn in ihren Rock, in ihre Pumps und malt ihm die Lippen rot.

Während er nach dieser Vergewaltigung zusammensackt, tanzt Klara in clownesk großen Sneakers zu einem Elvis-Song einen ab, bis sie ebenfalls zu Boden geht. Dann rappelt sie sich wieder hoch, bekommt von ihrem hereinrasenden verliebten Schwager eine Einkaufstüte mit 68 Riesen in großen Scheinen, die er für sie unterschlagen hat, dreht mit ihm eine Runde, schickt ihn - "Denkst du, du kannst mich kaufen?" - zum Teufel und steht irgendwann mit hängenden Armen an der Rampe: "Ja, Wahnsinn."

Ja, Wahnsinn, was einer ernsthaften, jungen Stückeschreiberin bei einer Uraufführung am Wiener Akademietheater passieren kann. Dea Loher, Trägerin des Mülheimer Dramatikerpreises 1999, dürfte nicht wenig gestaunt haben über den Schluss von Klaras Verhältnisse - bei ihr wird Klara vom Chinesen vor dem Tablettentod gerettet, und ein Kunststoffherz an der Wand beginnt zaghaft zu blinken. Und dennoch lächelte die Autorin beim Premierenapplaus glücklich an der Hand der resoluten Regiefrau Christina Paulhofer.

Gelegentlich können sich dreiste Stück-Übermalungen nicht als Verbrechen, sondern als Rettung erweisen. Wie das? Dea Loher, Tragödin im sozialen Dramendienst, die sich die ganzen neunziger Jahre dem Trend zu Farce und Comedy widersetzte, wollte offenbar - ja, auch sie - aus ihrer Haut: einmal nicht Maß nehmen an Riesenfallhöhen (Ulrike Meinhof, Medea) und moralischen Abgründen (Kindsmissbrauch, Bosnienkrieg), sondern auf Augenhöhe des banalen Lebens schreiben. Etwa über nicht zwangsläufig tragische Fragen wie: Wäre ich schwul glücklicher? Wäre Sex zu dritt das Wahre?

Es fängt nicht schlecht komisch an. Klara verliert ihren Job, aber nicht durch die böse Globalisierung, sondern mutwillig. Als Gebrauchsanweisungs-Texterin für Bügeleisen hat sie absichtlich fahrlässigen Nonsens gedichtet - für die Regie gleich Anlass zum schönen Special Effect: Ein Bügeleisen schnurrt von rechts auf die Bühne und explodiert mit Stichflamme.

Der Rest heißt: Eine Frau ohne Job sucht nach dem großen Sinn, findet aber immer nur das falsche Verhältnis. Der Reihe nach: den jungen Trödelhändler Tomas, der ihr seine alte Geliebte verheimlicht, sie aber sexuell (der Dreier) weiterbringt

den klebrigen Schwager Gottfried, den Bankbeamten, der sie gern gegen ihre frustrierte Schwester Irene tauschen würde