Ihre Porträts von Virginia Woolf, André Breton, Simone de Beauvoir, James Joyce oder Frida Kahlo zeugen von vornehmer Zurückhaltung. Sie bewahren die Fremdheit des Angesichts, halten penibel dessen undurchdringliche Oberfläche fest und lassen auf diese Weise einen inneren Zustand nur erahnen. Gisèle Freunds Fotografien der Surrealisten und Existenzialisten sind längst zum festen Bestandteil unserer eigenen Erinnerung geworden. Die ihnen eigene Spannung zwischen taktvoller Distanz und analytischer Präzision - Walter Benjamin wollte darin den Geist des "dialektischen Materialismus" am Werke sehen - zeigen sich auch in ihren anderen Arbeiten. Als Soziologin mit der Kamera machte sie sich vor allem durch engagierte Bildessays einen Namen.

Früh fing sie an, mit dem Farbfilm zu experimentieren. Die gebürtige Berlinerin, aufgewachsen im großbürgerlichen jüdischen Milieu, musste 1933 vor der Gestapo fliehen. Nach dem Krieg lebte und arbeitete sie in Paris.

Dort ist Gisèle Freund in der Nacht zum vergangenen Freitag im Alter von 92 Jahren einem Herzversagen erlegen.