Ostern naht. Munter hoppeln die Langohren, nur einer rührt sich nicht vom Fleck, hockt ängstlich hinterm Baum und starrt aufs weite Feld. Als Osterhase ist der Kleine untauglich, zu viel Angst, von Fuchs oder Eule erwischt zu werden. Seine Chance liegt im Abwarten, im geduldigen Abpassen des richtigen Moments zwischen Dämmerung und Mondaufgang, wenn die Dunkelheit Schutz bietet: Dann könnte er das Feld blitzschnell überqueren und sein Zuhause erreichen.

In eigenartiger Starre und Statik liegt die Landschaft, Ausdruck der Gefühle des Hasenherzens. Knorrige Bäume krümmen sich vor dem abendlichen Himmel

das Feld scheint in mattem Gelb auf. Bild um Bild verdunkeln sich die Farben, Sterne tauchen am Himmel auf, Bäume werden zu rätselhaften Silhouetten. Mal liegt Nickel auf dem Rücken, mal hängt er an einem Ast, mal kauert er sich zusammen, immer auf der Hut, immer die Ohren gespitzt. Die Hasenfigur: ein wenig kantig gezeichnet, marionettenhaft, mit mechanischen, vorsichtig sparsamen Bewegungen, wie sie jemand vollführt, der sich nicht von der Stelle traut.

Wer wartet, denkt nach, sucht nach Trostbildern. Nickel sehnt sich nach Hause, nach den sanften Pfoten seiner Mutter, nach dem kleinen Bruder, der 14 Stunden für ein Jahr hält, nach dem Vater, der ihm das schnelle Laufen beigebracht hat. Neben den großen Landschaftsgemälden stehen - gerundet wie Gedankenblasen - farbkräftige Bilder der Erinnerung und Wünsche: Nickel mit seinem Vater pfeilschnell übers Feld schießend oder zusammen mit der Familie am Tisch sitzend. Würde das Leben auch ohne ihn weitergehen? Was würden seine Eltern sagen, wenn er nie wiederkäme? Papa würde sagen: "Das war unser Nickel. Er ist nicht alt geworden. Etwas über ein Jahr. Aber er war lieb."

Wie in einem Film ziehen die Bilder vorbei.

Die Zeit wird lang. Wenn ihn die Mutter am Schluss im Versteck aufspürt und mit ihm übers weite Feld läuft, bleibt mehr als eine spannende Geschichte zurück: ein ungewöhnlich sensibler Blick in die kindliche Persönlichkeit, in der sich Wissen, Erfahrungen, Gefühle und Imagination die Waage halten.

Nickel ist weder Angsthase noch Draufgänger, weder naiv noch superklug, sondern ein waches, gefühlvolles Kind. Dass es ein Hase ist, müssen wir gefasst hinnehmen. Schließlich steht Ostern vor der Tür.