Toute Vienne war zugegen. Das wenigstens. Hätte man bei der Premiere von F@lco - a Cybershow am vergangenen Samstag im Wiener Etablissement Ronacher eine Bombe gezündet - die Macht- und Öffentlichkeitsstrukturen Österreichs wären explodiert, das Land hätte von Grund auf neu konzipiert werden müssen.

Dass sich die oberen eintausend köstlich amüsiert haben, darf allerdings bezweifelt werden. Der 80-jährige Hans Dichand beispielsweise, Zeitungszar und Schattenkaiser Österreichs, verzog während der gesamten 2 1/4-stündigen Darbietung keine Miene, ließ ungerührt die aufdringlichen Laserprojektionen an seiner faltendurchwirkten Gesichtslandschaft abtropfen und die Ohren von dezibelprotzenden Gitarrenattacken behämmern. Er, der mit seiner Neuen Kronen Zeitung aggressiv für ein rechtskonservativ-klerikales Weltbild eintritt, musste sich an diesem Abend viel gefallen lassen: ein mit sehr vielen Ausländern bunt durchsetztes Ensemble, eine blutige Geburt auf offener Bühne, halb nackte Damen, die ihre Körper an Eisenstangen rieben, Kopulationen unter gebauschten Rokoko-Kostümen.

Das wiederum war vorherzusehen. Denn Regisseur Paulus Manker, Wiens beliebtester Theaterwüstling, hat einen Ruf als bad boy zu verteidigen. Über dem Komponieren von schrillen Schockbildern und dem Konstruieren von Lichtdomen vergaß er leider, dass eigentlich eine Geschichte zu erzählen wäre - die von Aufstieg, Fall, Tod und posthumer Verklärung des Popkünstlers Falco alias Hans Hoelzel, des einzigen österreichischen Musikers, der es in der amerikanischen Hitparade (mit Amadeus) je zur Nummer eins gebracht hat. Bei genauerem Hinsehen allerdings erweist sich diese Story als so spektakulär nun auch wieder nicht. Falcos Schicksal erlebt doch jeder zweite Popmusiker.

Manker und sein Librettist Joshua Sobol behalfen sich, indem sie die dürren Lebensdaten gerührt und geschüttelt präsentierten, Wirklichkeit und Mythos kollidieren ließen und die Figur Falco in eine Serie von Doppelgängern und virtuellen Projektionen aufspalteten. Mittendrin: Hauptdarsteller André Eisermann, der den bürgerlichen Hans gibt und schweißtreibend, aber vergeblich um ein wenig schmutzige Rock-'n'-Roll-Authentizität bemüht ist.

Der gern heruntergeladene Diskurs über die Beziehung des Künstlers zu seinem Image, über das Verhältnis von Schein und Sein unter zeitgenössischen Medienbedingungen wurde angeklickt, aber gleich wieder gelöscht, noch bevor er zu einem animierten Chat ausufern konnte.

Und die Cybershow? Ein Witz. Die Bühne in Form eines überdimensionalen @, ein paar Bildschirme, ein wenig Techno-Schnickschnack. All dies, um eine Musik aufzupeppen, bei der die Gitarren so konservativ bretterten wie bei Iron Maiden in den siebziger Jahren. Und noch etwas machte der Abend mit seiner hektisch betanzten Greatest-Hits-Nummernrevue klar: Außer Der Kommissar, Amadeus, vielleicht noch Ganz Wien und Jeanny hat Falco nichts hinterlassen, was auch nur mittlere Schlagerqualitäten erreicht. Ein bisschen wenig für eine Heldenlegende.

Sollte eine der Ideen dieser Produktion gewesen sein, Falco nach all den Sisis und Wolferls als Gründungsmythos eines modernen, zukunftsfreudigen Österreich zu inaugurieren, so ist sie gründlich fehlgeschlagen. Out of the light, into the dark!