Ich bin Deutschreferendarin in Frankreich und habe vorher vier Jahre lang Französisch unterrichtet in Deutschland, kenne also beide Schulsysteme.

Ein Lehrer macht nicht Karriere, er verdient in Frankreich nie sehr viel, er hat andere Werte, und diese beschränken sich nicht, wie Frau Hénard den Leser glauben machen will, auf ein schnödes "Elite"-Denken. Den Lehrern geht es in dieser Streik- und Widerstandswelle nicht darum, zu beweisen, dass sie irgendeine Elite sind und bleiben wollen. Den Lehrern geht es um die Schüler, um die Zukunft unserer Gesellschaft und gerade um die Anpassung an deren Entwicklung. Apropos Schüler: Sie streiken, weil sie mehr Lehrer verlangen und in Zukunft weniger als 35 Schüler pro Klasse. Sind das denn unverschämte Forderungen?

Emilie Stein, Straßburg

Dass Reformen überfällig sind, wird kaum einer der französischen Lehrer bezweifeln. Die von dem Bildungsminister von oben verhängte Reform (die keineswegs mehr Freiheiten einräumt, sondern Stundendeputate für die Fächer Französisch, Philosophie, Mathematik und besonders in den Fremdsprachen drastisch, und zwar auf nationaler Ebene kürzt und Lehrinhalte streicht) scheint aber den meisten Lehrern in keiner Weise geeignet, die plakativ formulierten Ziele zu erreichen. Die Lehrer wehren sich gegen die Stundenverminderung des Fremdsprachenunterrichts um zum Teil 50 Prozent im Gymnasialbereich

mit eineinhalb oder zwei (!) verbleibenden Wochenstunden sehen sich die Fremdsprachler nicht in der Lage, eine Progression zu sichern, geschweige denn, die Schüler stärker als bisher auf Abitur und berufliche Anforderungen vorzubereiten.

Unerwähnt bleibt in Ihrem Artikel der Protest der Französischlehrer gegen die Streichung der Lehrinhalte, die die Schüler zu kohärenten Denkprozessen und folgerichtigen Darstellungsweisen hinführen sollen.

Die Konsequenz wird gerade sein, dass mehr und mehr Eltern mit Geld ihre Kinder in Privatschulen schicken werden und eine Zweiklassengesellschaft im Bildungsbereich zu befürchten ist. Im Fach Mathematik zum Beispiel bedeutet die Reform eine Aussonderung solcher Inhalte, die für weiterführende Schulen und Universitäten in bestimmten Fächern vorausgesetzt werden. Bereitet das Lycée auf solche Studiengänge nicht mehr vor, hat die Ausbildung im Gymnasialbereich nicht einmal die Funktion, ein mittleres Niveau zu gewährleisten. Die Zahl der Abiturienten ist in Frankreich übrigens sehr viel höher als in Deutschland (sie liegt bei etwa 70 Prozent).