Es war ganz leicht, ins Gefängnis zu kommen: Die Tore öffneten sich einladend, und der Pressesekretär des Zentralgefängnisses von Wladimir, 188 Kilometer von Moskau, sagte mit einem Lächeln, man habe bereits auf mich gewartet. Ich war zehn Minuten zu spät dran. Das dreistöckige Gebäude war 1783 nach den Plänen irgendeines deutschen Architekten erbaut worden und sah schäbig, aber immer noch mächtig aus. Am Eingang nahm man mir meinen Pass ab und brachte mich zum stellvertretenden Leiter der politischen Abteilung.

Der außerordentlich liebenswürdige Oberstleutnant, der sich mir freundschaftlich als Andrej vorstellte, schenkte mir zum Andenken sogleich eine große Anstecknadel, die aus irgendeinem Grunde zum 214. Jubiläum des Gefängnisses produziert worden war. Er erzählte, dass 200 der 1300 Häftlinge Tuberkulose hätten und dass es bei ihnen wegen eines Defekts in der Backstube ein ganzes Jahr lang kein Brot gegeben habe. Alles andere, sagte er, sei in Ordnung, in den Zellen säßen jeweils nicht mehr als 16 Mann, Mörder und rückfällig gewordene Straftäter. Die Erziehungsarbeit mit den Häftlingen basiere auf drei Prinzipien: Überzeugung, Zwang und persönliches Vorbild.

Man führte mich ins Gefängnismuseum. An den Wänden Fotos von berühmten Häftlingen: Anatolij Martschenko, Wladimir Bukowskij, Daniil Andrejew. Auf Regalen waren respektvoll ihre Bücher ausgestellt. Jurij Iwanowitsch, ein Veteran unter den Aufsehern, erzählte mir ausführlich, wie er persönlich die Dissidenten umerzogen habe. Er war offensichtlich stolz darauf, dass er sie gekannt hatte, und bemerkte leicht beleidigt, dass sie in ihren Memoiren das Gefängnis nicht gerade lobend erwähnen.

Plötzlich führte man mich in einen großen Saal. Dort saßen ungefähr 300 Häftlinge in grauer Anstaltskleidung und warteten auf meinen Auftritt. Guten Tag allerseits!, rief der Kommandeur. Die Häftlinge erhoben sich gehorsam, wenn auch langsam. Davon haben Sie mir aber gar nichts gesagt, wandte ich mich an den Offizier und wurde rot. - Sagen Sie ihnen irgendwas über die Hoffnung. Sie sind doch ein Schriftsteller und haben bestimmt etwas zu sagen. 600 Augen starrten mich an. In meinem Jackett von Hugo Boss kam ich mir vor wie ein Vollidiot.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH FOTO DETLEV STEINBERG Viktor Jerofejews Buch Fluß ist im Aufbau-Verlag erschienen er hat es mit Gabriele Riedle verfasst