Einhundertundfünfzig gegen einen. Mathias Kneißl will sich nicht ergeben.

Bis zur letzten Patrone will er kämpfen. Eine halbe Stunde lang prasseln die Gewehrkugeln der Gendarmen gegen den kleinen Bauernhof, durchschlagen Fenster und Türen. Auf dem Dachboden finden die Polizisten schließlich den schwer verletzten Mann. Den rechten Arm und die linke Hand zerschossen, eine Kugel im Bauch - zur Gegenwehr ist der Räuber Kneißl nicht mehr fähig.

Monatelang war der Hiasl - so nannten ihn die Leute - der Polizei entwischt wie der Hase einem kurzsichtigen Jäger. Jetzt, am 5. März 1901, ist die Jagd zu Ende. Die Ärzte flicken den 25-Jährigen zusammen, um ihn für die Hinrichtung zu retten. In München wird ihm der Prozess gemacht, in Augsburg das Schafott bereitet, an einem Montag, so heißt es. "De Woch' fangt scho wieda guat o", soll er da trotzig gesagt haben, der Kneißl Hias. Minuten später trennt das 80 Pfund schwere Fallbeil seinen Kopf vom Rumpf.

Mathias Kneißl war ein Einbrecher und Polizistenmörder. Tatsächlich? Wer sich heute über ihn erkundigt, erfährt ganz andere Dinge. Als eine Art bayerischer Robin Hood wird der Kneißl da gern beschrieben, als einer, der das Herz am rechten Fleck trug. Nach dem Räuber Kneißl sind zwischen München und Augsburg Wanderwege, Gaststätten und Biersorten benannt. Der Kabarettist und Liedermacher Georg Ringsgwandl besingt ihn als einen, der das Erbeutete stets den Armen und Alten schenkte. Es gibt schon lange einen Räuber-Kneißl-Film und jetzt auch eine Räuber-Kneißl-Website (members.tripod.com/~kneissl). In Dachau haben sie ihn vergangenes Jahr zum Namenspatron des Stadtfestes gemacht. Auf den Spuren des Mathias Kneißl hieß die Party, zu der 8000 Leute kamen. Der einstige Staatsfeind ist zum Volkshelden geworden, zu Bayerns beliebtestem Mörder. Irgendetwas im Leben des Mathias Kneißl muss Anlass zur Legende geben.

Als dieses Leben begann, im Jahr 1875, war das altbayerische Land westlich von Dachau noch ländlich. Dichte Wälder und unwegsames Moos riegelten die Dörfer von der Welt ab, einer Welt, die hier oft als bedrohlich empfunden wurde. Die Abneigung gegen den Staat, die Obrigkeit, gegen Richter und Gendarmen war tief verwurzelt im Milieu der Bauern und Kleinhändler. Nicht zu Unrecht, wie Ludwig Thoma, damals als Advokat in Dachau tätig, vermerkt: "Ich war anfänglich verblüfft über die Verständnislosigkeit, welche den Bedürfnissen des Volkes, auch seinen Sitten und Gebräuchen von den Richtern und Verwaltungsbeamten entgegengebracht wurde. Diese Herren standen den kleinen Leuten fremd, mit einer gewissen Feindseligkeit gegenüber."

Einer dieser kleinen Leute war Mathias Kneißl. Sein Vater hatte sich sein Brot als Müllerbursche und Schreiner verdient, die Mutter Therese Pascolini war die Tochter eines aus Venedig zugezogenen Italieners. Gemeinsam kauften die Kneißls eine Mühle, die abseits vom Dorfgeschehen lag, die Schachermühle.

Dort handelten sie nicht nur mit Mehl, sondern auch mit Gewildertem und Gestohlenem.