Der Bleistift gleitet noch etwas unsicher übers Papier. Aus dünnen Linien entsteht zögernd ein Selbstporträt mit großen, fragenden Augen. "Irgendetwas in Richtung Kunst" wollte sie schon immer machen, erzählt Nicole, 22. Aber gewagt hat sie wenig. An keiner einzigen Kunstakademie oder Fachhochschule für Gestaltung hat sie sich nach dem Abitur beworben. Es fehlten ihr Mut - und vor allem eine Mappe mit eigenen Bildern und Zeichnungen, zum "Nachweis der künstlerischen Eignung". "Ich habe das alleine nicht geschafft", erinnert sie sich. Inzwischen geht sie jeden Nachmittag an die Bildkunst-Akademie in Hamburg und zahlt 650 Mark im Monat, um dem Traumberuf Illustratorin etwas näher zu kommen.

Auch an der Bildkunst-Akademie muss sich normalerweise jeder per Mappe bewerben. Wer jedoch keine hat, kann ein halbes Jahr lang im so genannten Vorsemester daran arbeiten - und sich damit später auch an anderen Fachhochschulen oder einer Akademie bewerben. Nur wenige Kunstschulen bieten solche Vorsemester an. Kürzere "Mappenkurse" können an Zeichen- und Malschulen absolviert werden, oft auch an Volkshochschulen.

Talentnachweis gegen Bares? Anna-Maria Engelsdorfer, Hochschulkoordinatorin am Arbeitsamt München und zuständig für die Beratung von Abiturienten, dämpft die Erwartungen der zahlungswilligen Schüler: "Die Hochschulen sehen es ungern, wenn man erkennen kann, dass da ein bestimmter Stil antrainiert wurde."

Eleonore Elfers, Leiterin der Hamburger Bildkunst-Akademie, kennt solche Einwände. Daher sieht sie ihre Aufgabe auch erst in zweiter Linie darin, Kandidaten durch ein Aufnahmeverfahren zu lotsen. Vielmehr gehe es darum, den Schülern zum eigenen Ausdruck zu verhelfen. "Ich vergleiche das immer mit Musikhochschulen. Ob jemand musikalisch talentiert ist, kann man auch erst hören, wenn er ein Instrument spielt."

Im Vorsemester sollen die Schüler herausfinden, ob die Kunst überhaupt das Richtige für sie ist. Wer nicht genau weiß, was er will, den können die strengen Aufnahmeverfahren sehr schnell entmutigen. Die Schüler der Bildkunst-Akademie erkaufen sich also keinen Studienplatz, sondern Orientierung und Durchhaltevermögen. Sie zahlen dafür, zur künstlerischen Auseinandersetzung gezwungen zu werden. In dieser Hinsicht hält auch Anna-Maria Engelsdorfer Mappenvorbereitung an privaten Schulen für sinnvoll: "Wenn es darum geht, sich selbst zu disziplinieren, kann es schon etwas bringen."

An den meisten Akademien gibt es Mappenberatungen

Die Schüler entwickeln während des Vorsemesters tatsächlich eigene Ziele. Das beobachtet zumindest Ursula Pawlak, deren Freie Kunstschule Rhein/Neckar bei Mannheim ein ähnliches Angebot hat. Von rund 40 Schülern im Vorsemester wüssten nach einem halben Jahr rund 15, dass sie an der freien Kunstschule bleiben und Grafik-Design studieren wollen, 10 entschieden sich für die Aufnahmeprüfung an anderen Hochschulen, und der Rest orientiere sich anderweitig, sagt Ursula Pawlak.