Ein Unternehmen, bei dem alles zu stimmen scheint: die Branche, die Zuwachsraten, die Expansionsstrategie - nur die Kursentwicklung nicht. Seit ihren ersten Tagen am Neuen Markt dümpelt die Aktie der Nemetschek AG auf niedrigem Niveau, das Kurs-Gewinn-Verhältnis ließ zeitweise eher auf einen Industriewert schließen als auf eine Softwareschmiede.

"Der enttäuschende Kursverlauf hat mehr psychologische als fundamentale Gründe", glaubt Maja Brauer, Analystin der Wertpapierhandelsbank Hornblower Fisher. Womöglich finden die Anleger das Papier schlichtweg zu langweilig, denn die Nemetschek AG ist geradezu ein Ausbund an Solidität. Mit inzwischen über 1000 Mitarbeitern und 39 Niederlassungen im In- und Ausland erwirtschaftet das Unternehmen seit Jahren Gewinne im Millionenbereich und gilt heute als drittgrößter deutscher Hersteller von Standardsoftware. Der Gründer und heutige Vorstandsvorsitzende Professor Georg Nemetschek ist 66 Jahre alt und damit ein Methusalem unter all den smarten Jungs der New Economy.

Es könnte aber auch das Stichwort Bau sein, das Investoren verschreckt. Denn die Nemetschek AG ist auf Informationstechnologie (IT) rund ums Planen und Bauen spezialisiert - ihre Software kommt bei der Errichtung von Wohnsiedlungen ebenso zum Einsatz wie beim Bau von Großprojekten wie dem Düsseldorfer Stadttor oder der Ting-Kau-Brücke in Hongkong. Und in der Baubranche ist bekanntermaßen die Konjunktur im Keller. Was sich allerdings nur begrenzt auf den IT-Bereich auswirkt. Denn so wie ein Zahnarzt nicht auf einen Bohrer verzichten kann, ob er nun viele oder wenige Patienten hat, so kommen Architekten und Ingenieure heute kaum ohne computergestützte Zeichen- und Rechenprogramme aus. "Seit Mitte der Neunziger haben die Büros EDVtechnisch enorm aufgerüstet, und dieser Trend hält an", sagt Bauingenieur Klaus Probst, Leiter der Abteilung Informationsdienstleistungen beim Fraunhofer Informationszentrum Raum und Bau in Stuttgart.

Im vergangenen Jahr erreichte die Nemetschek AG einen Rekordumsatz von 245 Millionen Mark, ein Plus von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Ergebnis vor Steuern wuchs um satte 125 Prozent auf 38 Millionen Mark. "Unser Ziel ist es, den Umsatz alle zwei Jahre zu verdoppeln und das Ergebnis überproportional zu steigern", sagt Georg Nemetschek. Ein ehrgeiziges, aber wohl nicht unerreichbares Ziel, denn inzwischen bietet Nemetschek so vielfältige Produkte wie kaum ein Mitbewerber. Mit dem Geld aus dem Börsengang kauften die Münchner binnen eines Jahres sieben Unternehmen und ergänzten ihre Angebotspalette etwa um Lösungen für das Immobilien-, Dokumenten- und Baukostenmanagement. Zuletzt wagten sie den Schritt in den wichtigen US-Markt und übernahmen die Diehl Graphsoft Inc. mit Sitz in Maryland.

Nemetschek bewegt sich aber auch im virtuellen Raum. Längst vertreibt es seine Produkte online. Und vergangene Woche gab Nemetschek die Gründung der Tochtergesellschaft MyBau.com bekannt, die der Baubranche eine Business-to-Business-Plattform bieten soll.

"Das Unternehmen zeigt sich immer wieder innovativ", meint Analystin Brauer anerkennend. Sie empfiehlt Nemetschek trotz der unsicheren Entwicklung der Technologie-Aktien zum Kauf: "Wenn der Markt nach unten geht, sollte das Nemetschek nicht so stark tangieren wie andere Werte." Auch Branchenkenner Probst sieht die Zukunft des Unternehmens optimistisch - aus einem simplen Grund: "Herr Nemetschek ist ja selbst Bauingenieur. Er kennt einfach den Bedarf der Büros."