Johannesburg

Erst die Sintflut in Mosambik, jetzt die Dürre am Horn von Afrika. Zwei Desaster in kurzer Abfolge, und immer wieder die gleichlautende Hiobsbotschaft: Afrika hungert. Afrika leidet. Afrika stirbt. Dazu die Schreckensbilder, die alle Stereotypen über den Schwarzen Erdteil zementieren: Kinder mit großen traurigen Augen und vergreisten Zügen, fliegenübersäte Gerippe, ausgezehrte Mütter, endlose Karawanen der Verzweiflung. Es ist, als seien die Toten von 1984 auferstanden, Wiedergänger der großen Hungersnot, die damals eine Million Menschen hinraffte.

Bei aller Skepsis: Die Lage im Nordosten Afrikas ist dramatisch. Aber die Regierungen der reichen Länder reagierten wieder einmal so flink wie Dinosaurier, und die Repräsentanten der armen Staaten sangen das bekannte Klagelied. Diesmal stimmte es Seyoum Mesfin an, der Außenminister Äthiopiens. Er warf den Geberländern vor, so lange zu warten, bis wieder "Skelette über die Bildschirme" wandeln.

Nach dem dritten regenarmen Jahr in Folge war die kommende Dürre seit Monaten Gewissheit; im Dezember 1999 mahnten die Frühwarner der Vereinten Nationen zur Soforthilfe. Aber erst jetzt, da die Weltpresse rudelweise in Abessinien einfällt, wird aus der schleichenden Not eine akute Katastrophe.

Mesfin hat Recht. Man hätte sich viel früher auf das Desaster vorbereiten können. Doch im Lichte dessen, was sein eigenes Land unternommen hat, wirkt sein J'accuse geradezu unverfroren. Der Ankläger der Hartherzigkeit tritt nämlich seit Monaten auf der internationalen Bühne als Verteidiger eines Krieges auf, der sein Land um die Ressourcen zur Selbsthilfe bringt.

Es geht nur um ein paar staubige Grenzdörfer auf einem Landfetzen, unter dem Bodenschätze vermutet werden. Vor neun Jahren hatten die Bruderstaaten Eritrea und Äthiopien noch gemeinsam das stalinistische Mengistu-Regime niedergerungen. Heute gehen sie im nationalistischen Wahn aufeinander los, und beide Seiten räumen in hellen Momenten ein, dass sie einen crazy war führen, einen irrsinnigen Krieg. Man vermutet, dass er seit April 1998 rund 50 000 Menschen das Leben gekostet hat.

Kein Zweifel, die Dürre wäre auch ohne den Krieg über das Land gekommen - sie ist eine unvermeidliche Naturkatastrophe. Die kargen, niederschlagsarmen Halbwüsten und Trockensavannen am Horn von Afrika zählen zu den klimatisch am stärksten benachteiligten Regionen der Erde. Dort, wo der Hunger am schlimmsten wütet, im tristen Ödland des Ogaden, ist der Krieg weit entfernt. Und dennoch wirken sich die Kämpfe indirekt auf den Notstand aus. Sie binden zum Beispiel jene Transportkapazitäten, die im Krisengebiet dringend gebraucht würden. Die Lastwagen rollen an der tausend Kilometer langen Front; sie können nicht einmal die spärlichen Hirsevorräte des Landes befördern. Auch den Seehafen Assab hat Äthiopien inzwischen an den Gegner verloren - erst kürzlich ließ sich Eritreas Präsident Isaias Afewerki erweichen, Hilfsgüter für die Notleidenden passieren zu lassen.