Ein Erdbeben soll am vergangenen Freitag im westfälischen Gütersloh nicht registriert worden sein. Jedoch ist von heftigen Gefühlseruptionen im Hause Bertelsmann zu berichten. Denn Konzernchef Thomas Middelhoff hat seinen forschen Ankündigungen (Nummer eins zu werden im internationalen Musikgeschäft und im E-Commerce, Abteilung Medien, Stärkung des Free-TV-Engagements) endlich eine Großtat folgen lassen.

Die Luxemburger Rundfunk- und Fernsehtochter CLT/Ufa, deren Anteile Bertelsmann gemeinsam mit dem Essener WAZ-Konzern sowie der belgischen Finanzgruppe Groupe Bruxelles Lambert (GBL) hält, wird mit der Londoner Pearson TV vereint, die zum britischen Medienkonzern Pearson (Financial Times , Penguin Books) gehört. CLT/Ufa, mit 22 Fernseh- und 18 Radiosendern, die täglich 120 Millionen Zuschauer und 25 Millionen Hörer erreichen, sowieso schon die unumstrittene Nummer eins in Europa, hat sich mit Pearson TV den größten Produzenten von Spiel-Shows, Serien und Soaps einverleibt. "Jetzt führen wir," freut sich Thomas Middelhoff, "unser Fernsehgeschäft in neue Dimensionen."

Dabei galt der erst seit November 1998 amtierende Bertelsmann-Chef in der Branche bereits als Verlierer. Zu Beginn dieses Jahres nämlich hatte sich in den Vereinigten Staaten der führende Online-Konzern AOL mit dem Medienriesen Time-Warner vereint. Für Bertelsmann, lange Partner von AOL, blieb immerhin eine auf vier Jahre befristete Allianz mit AOL über die Verbreitung von Medieninhalten und E-Commerce-Angeboten. Erst vor kurzem hatte sich Bertelsmann von der gemeinsamen Tochter AOL Europe getrennt und 15 Milliarden Mark erlöst - eine stattliche Reserve für künftige Akquisitionen.

Auf dem Heimatmarkt ist auch einiges in Bewegung geraten. So gelang es Leo Kirch, für seinen Pay-TV-Sender Premiere World den australisch-amerikanischen Medienmogul Rupert Murdoch als Minderheitsgesellschafter zu gewinnen. Zuvor hatten Kirch und Bertelsmann den Abosender gemeinsam geführt - allerdings oft genug im Streit. Bertelsmann reduzierte sein Engagement bei Premiere auf einen Anteil von 5 Prozent - für die Gütersloher ist Pay TV inzwischen kein Medium mit Zukunft mehr.

Der vermeintliche Loser freilich hatte den englischen Coup gut vorbereitet. Bereits im Februar richtete Middelhoff die Luxemburger Tochter CLT/Ufa neu aus (ZEIT Nr. 9/00). Mit dem Belgier Didier Bellens und dem Deutschen Ewald Walgenbach besetzte er die Führungsspitze neu. Vor allem aber: Das Spitzenduo soll die TV- und Radiosender künftig gemeinsam führen - statt wie bisher getrennt nach Regionen. Das Ziel war klar: eine gesamteuropäische Ausrichtung des TV-Konzerns.

Die Allianz zwischen Bertelsmann, der belgischen Finanzgruppe GBL und Pearson sehen Middelhoff und seine Partner, GBL-Präsident Albert Frère und die Pearson-Chefin Marjorie Scardino, als europäische Antwort auf die amerikanische Medienmacht von AOL/Time-Warner. Allerdings: Im Vergleich zu den großen Hollywoodstudios sieht alles, was Europa zu bieten hat, immer noch ziemlich mickrig aus. Immerhin, die drei Strategen, unter Führung von Bertelsmann (siehe Schaubild), sind dabei, den ersten wirklich paneuropäischen Fernsehkonzern zu kreieren, der diesen Namen verdient: mit TV-Sendern in Deutschand (RTL, RTL 2, Vox, Super RTL), Frankreich, Spanien, Luxemburg, Holland, Belgien, Polen und Ungarn. Pearson steuert Produktionsgesellschaften in 35 Ländern bei, darunter in den USA und Australien. Das neue Gebilde aus Kanälen und Inhalten wird als RTL-Group über die Grenzen eines fragmentierten, von kulturellen, sprachlichen und politischen Grenzen zerschnittenen Marktes hinweg operieren.

Zu den CLT/Ufa-Managern wird sich von Pearson Richard Eyre gesellen, verantwortlich für das Inhaltegeschäft und die Unternehmensstrategie. Über den Sitz des Unternehmens wurde noch nicht entschieden. Es könnte in Luxemburg bleiben, aber auch Brüssel, London, Köln und Berlin sind noch im Rennen.