Manchmal wirkt Budapest etwas verschwommen. Nach Hazipálinka zum Beispiel. Hazipálinka ist ein klarer Pflaumenschnaps - so klar, dass mir im Taxi die Augenlider flattern, als wir über die erleuchtete Kettenbrücke fahren. Das Wässerchen hat 50 bis 60 Prozent Alkohol. Hazipálinka beruhigt den Magen, heißt es.

Das letzte Glas, das mir István Eörsi am Abend eingeschenkt hatte, schaffte ich gerade zur Hälfte. Als ich ihn am nächsten Morgen besuche, hält er mir allen Ernstes vor: "Wissen Sie, was Sie da gestern stehen gelassen haben?" Eörsi holt seinen Spitzenhazipálinka bei einem Bauern in der Nähe der Stadt Kaposvár in Südungarn. Er schreibt Stücke für das dortige Theater. Manchmal arbeitet Eörsi auch in Berlin, bald wird er für zwei Monate in Graz wohnen. "Wenn ich in Budapest bin, fühle ich mich zu Hause", sagt der Dichter. Eörsi schaut aus dem riesigen Eckfenster seiner Wohnung auf das Ufer der Donau. Gegenüber liegt der Burgberg von Buda mit Teilen der alten Stadtmauer und der leicht kitschigen neoromanischen Bastei. Das hügelige Budaer Ufer war lange Zeit die Seite der Macht. Dort stehen die Reste der riesigen Römerstadt Aquincum, dort residierten die ungarischen Könige, dort bauten sich die kommunistischen Funktionäre ihre Villen mit Donaublick. Die Villen sind heute saniert. Über den Eingangstoren hängen Überwachungskameras. Vor den Garagen stehen die schweren BMWs der neuen Schwerreichen. Und vor den BMW kraulen fette Chauffeure ihre Goldketten.

Aus seiner Wohnung im vierten Stock kann István Eörsi auf das bronzene Haar Sándor Petöfis schauen. Das Denkmal des Metzgersohns, der mit seinen Gedichten zum Stichwortgeber der Revolution von 1848 wurde, steht direkt vor Eörsis Haus. An einem Laternenmast neben dem Denkmal hängen Reste verrosteter Überwachungskameras der Staatssicherheit. Deren Mitarbeiter führten Eörsi unter dem Tarnnamen Kopasz (Glatze). Und immer am 15. März, dem Nationalfeiertag, war Kopasz-Alarm. An diesem Tag kam Eörsi irgendwann mit einigen Intellektuellen aus seinem Haus geschossen, um sich mit ihnen am Petöfi-Denkmal zu versammeln. "Das waren natürlich illegale Demonstrationen gegen die Kommunisten, und so schnell, wie wir gekommen waren, mussten wir nachher wieder nach Hause rennen."

Eine U-Bahn mit nur drei kleinen Wagen

Die Demonstrationen begannen in den siebziger Jahren, als KP-Chef János Kádár die Pro-Kopf-Ration an Fleisch und Freiheit erhöhte. Im Westen sprachen viele anerkennend vom "Gulasch-Kommunismus" und vergaßen, dass es Kádár war, der nach dem Aufstand von 1956 Tausende hatte ermorden lassen. Manche hatten Glück und landeten bloß im Gefängnis wie István Eörsi. Am 9. Dezember 1956 hatten Sicherheitsbeamte den damals 25-Jährigen verhaftet. In einem schwarzen Wolga brachten sie ihn über die Kettenbrücke in das Polizeigefängnis auf Budaer Seite, ein Weg, den Eörsi heute von seinem kleinen Balkon aus mit dem Finger nachzeichnen kann. Als "Konterrevolutionär" bekam er acht Jahre Gefängnis - Eörsi hatte beim Freien Radio Kossuth mitgearbeitet, das Imre Nagy, den später hingerichteten Ministerpräsidenten, unterstützt hatte.

Nach vier Jahren Haft wurde Eörsi aus dem Gefängnis entlassen. "Danach hab ich eigentlich nie mehr in die Schriftstellerei zurückgefunden", sagt er leise. Er durfte nicht veröffentlichen und wurde Außenseiter in seiner Stadt: Die meisten der ungarischen Schriftsteller, die sich inzwischen mit Kádár arrangiert hatten, machten einen Bogen um ihn, und Eörsi fühlte sich ein bisschen wie 1944, als er hinter der großen Synagoge im jüdischen Ghetto wohnte. Wagte er es, das Ghetto zu verlassen, jagten ihn seine früheren Freunde, weil er Jude war.

Eörsis Lieblingsort in Budapest ist der Park auf der Margareteninsel in der Donau, wo er früher als kleiner Junge Fußball gespielt hat. Manchmal geht er auch langsam durch das jüdische Viertel im VII. Bezirk, denn dieser Stadtteil und der VI. und VIII. Nachbarbezirk gehören zu den schönsten Pester Ecken. Sie liegen im Schatten der von Banken und Luxushotels dominierten Innenstadt, wenige Straßenzüge nach Osten. Manche Fassade bröckelt, doch sie bröckelt in Schönheit. Den leichten Verfall einer Häuserecke macht ein Jugendstilornament an der nächsten wieder gut. In vielen Hinterhöfen sind die einzelnen Stockwerke von Rundbalkonen umgeben, die manchmal wie mittelalterliche Säulengänge aussehen. Hier ist Budapest gefrorene Jahrhundertwende - leicht morbid, aber nicht so kränklich, dass man die bauliche Qualität übersehen könnte. "In keiner deutschen Stadt baut man die Wohnhäuser im Durchschnitt so gut wie hier. Selbst in den Gründerjahren gab es in Budapest keine Schwindelausführungen wie in Berlin und Wien", stand in der Deutschen Bauzeitung 1884.