Florian Hollerbach hatte Pläne gemacht für sein Leben. Architekt wollte der junge Mann aus Ulm werden, den Studienplatz in Stuttgart hatte er sich schon gesichert. Dann fiel er bei seinem Praktikum von einem Baugerüst und verletzte sich die Wirbelsäule. Wochenlang schwebte der heute 22-Jährige im Krankenhaus zwischen Hoffnung und Verzweiflung, bis ihm klar wurde, dass er sich an ein Leben im Rollstuhl würde gewöhnen müssen. Das Studium, die schon gemietete Studentenbude, alles lag in weiter Ferne. Heute sitzt Florian Hollerbach vergnügt in der Cafeteria des Architekturfachbereichs der Fachhochschule Heidelberg. In gut zwei Jahren wird er seinen Dipl. Ing. in der Tasche haben und, wenn alles glatt läuft, als Architekt arbeiten, wie er es sich vor seinem Unfall gewünscht hatte.

Zwar sind die Hochschulen in Deutschland verpflichtet, sich auf die Bedürfnisse behinderter Studenten einzustellen. In der Realität treffen Behinderte im Uni-Alltag aber häufig auf hohe Hürden. Anders in Heidelberg. An der privaten Fachhochschule im Heidelberger Stadtteil Wieblingen lernen Behinderte zusammen mit gesunden Studenten und finden für sich optimale Arbeitsbedingungen vor, wie es sie so in Deutschland an keiner "normalen" Universität gibt. In den acht Studiengängen sind rund 680 Studenten immatrikuliert. Etwa ein Drittel davon ist behindert und paukt auf Kosten der Berufsgenossenschaft, des Arbeitsamtes oder einer Krankenkasse. Ihr Studium gilt als Rehabilitationsmaßnahme oder Umschulung. Die übrigen Studenten zahlen die Studiengebühren von etwa 600 Mark pro Monat aus eigener Tasche.

Oft sind es Kleinigkeiten, die Behinderten das Leben schwer und eine "normale" Hochschule zu einem feindlichen Ort machen. Die 41-jährige Studentin Andrée Weigend leidet an einer schweren Knieverletzung, derentwegen sie ihren Beruf als Tischlerin aufgeben musste. Um halbwegs sitzen zu können, ist sie auf bequeme Stühle und viel Beinfreiheit angewiesen; auf den harten Bänken üblicher Hörsäle würde sie es nicht lange aushalten. "Allein das Sitzen, man glaubt nicht, was das ausmacht." Ihre 34 Jahre alte Kommilitonin Angelika Döpper leidet an Rheumatismus. Sie schätzt die kurzen Wege auf dem Hochschulcampus, auf dem auch behindertengerechte Wohnungen, Arztpraxen sowie diverse Kur- und Therapieeinrichtungen untergebracht sind.

Wer wegen seiner Behinderung auf einen "Sozialbonus" hofft, wird enttäuscht. "Die behinderten Studenten müssen die gleichen Leistungen erbringen wie ihre gesunden Kommilitonen", sagt Achitekturdekan Rudolf Spitza. Angelika Döpper bestätigt: "Wir sitzen hier nicht unter einer Glasglocke." Wer das straffe Curriculum in der Regelstudienzeit von acht Semestern - inklusive zweier Praxissemester - bewältigt und dem Leistungsdruck standhält, für den bieten sich laut Spitza sehr gute Berufschancen. Innerhalb eines Jahres nach dem Examen fänden 95 Prozent der Absolventen, Behinderte wie Nichtbehinderte, einen Arbeitsplatz, sagt der Dekan. Florian Hollerbach wird wahrscheinlich, wie viele Körperbehinderte, im öffentlichen Dienst unterkommen. "Auf Baustellen werde ich wohl nicht mehr herumturnen können."

Auskunft zum Studium der Architektur an der Fachhochschule Heidelberg unter Tel. 06221/88 41 16