Essen

Nun ist er einer von denen. Links neben ihm sitzt Kurt Biedenkopf, rechts Rüdiger von Voss vom CDU-Wirtschaftsrat. Vor ihm, auf der Bühne der Essener Grugahalle, spricht Angela Merkel, die neue Parteivorsitzende, die nun auch "seine" Parteivorsitzende ist. Die Delegierten hängen an Merkels Lippen, immer wieder brandet Beifall auf, aber Ulrich Cartellieri, Parteimitglied seit drei Tagen, verharrt regungslos, beinahe steif auf seinem Stuhl, rührt keine Hand. Nur weil er jetzt dazugehört, weil er mit sitzt am Tisch der großen CDU-Familie, muss er noch lange nicht ihre Manieren übernehmen.

Ungerührt nimmt Cartellieri das überwältigende Ergebnis zur Kenntnis. Nur ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann geht er zum Mikrofon, bedankt sich knapp, greift nach seinem Koffer und verlässt den Saal. Viel Zeit hatte er seiner neuen Heimat nicht gewidmet. Am Presseabend ließ er sich kurz am VIP-Tisch sehen und verschwand dann wieder. Am Haupttag erschien er erst zur Teezeit, vier Stunden später saß er schon wieder im Auto nach Frankfurt; er hatte viel zu tun.

Für die Partei war es, als sei für einen Moment ein kalter Geist auf sie niedergefahren: ein Wesen im dunkelblauen Dreiteiler, beherrscht bis zum Gefrierpunkt, distanziert selbst in nächster Nähe. Ein Mann, dem kein "wir" über die schmalen Lippen kommt, nicht einmal bei seiner Kandidatenrede. Spricht er von der CDU, sagt er "diese Partei".

Jovialität, das Gleitmittel der innerparteilichen Kommunikation, ist ihm zuwider. Kein persönliches Wort, nicht über seine Familie, nicht über sein Hobby, das Bergsteigen. Selbst sein Geburtsdatum verschweigt er, um ungebetenen Gratulationen vorzubeugen. Seine ganze Haltung verrät eine starke innere Spannung, die sich bis auf die Haut über den Wangenknochen abzeichnet. Er bleibt abgekapselt, selbst wenn er Hände schüttelt oder sich Lachfalten abzeichnen.

Ulrich Cartellieri, der Fremde. Schon einmal, 1993, wurde er für ein Amt gehandelt: Finanzminister in der Regierung Kohl. Doch daraus wurde nichts. Damals unterlag der Drang des Neigungspolitikers, der sich selber als Zoon politikon beschreibt, dem Widerwillen gegenüber dem "Politikbetrieb". Jetzt stellt er sich - auf seine Weise, zu seinen Bedingungen. Als Schatzmeister, zumal unter diesen Umständen, muss er sich der Partei nicht vollständig anverwandeln; er darf seine Sonderrolle kultivieren.

Und doch bleibt die Frage: Warum? Immer wieder muss er erklären, was ihn freiwillig in dieses undankbare, zudem unbezahlte Amt getrieben hat, das seinen Vorgänger, den Abgeordneten Matthias Wissmann, mindestens ein Drittel der Arbeitszeit gekostet hat. Unterbeschäftigt ist er nicht. Cartellieri gilt als erfolgreicher Banker, der 1997 ohne Not vom Vorstand in den Aufsichtsrat wechselte und dort seither, gemeinsam mit Hilmar Kopper, entscheidende Fäden zieht. Er steht außerdem honorigen und einflussreichen Institutionen vor wie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik oder dem Deutsch-Japanischen Dialogforum. Der Federal Reserve Bank in New York dient er als "Berater". Warum also?