Den weißen Laborkittel hat der Chemiker Hartmut Vennen längst in die Ecke gehängt. Er kommt mit Schlips und Sakko zur Arbeit. Als PR-Chef der Firma Merck in Darmstadt kümmert er sich nicht um Chemikalien, sondern um Journalisten.

Über acht Jahre ist es her, dass Versuche mit wasserlöslichen Kunststoffen Vennens Tag bestimmten und er studentische Praktika betreute. Damals promovierte er an der TH Aachen. 1992 hatte er den Doktor in der Tasche - aber die Chancen auf einen Job als Chemiker standen schlecht.

Zu seinem Glück hatte Vennen sich allerdings schon während des Studiums ein zweites Standbein geschaffen. Als Lokalreporter schrieb er für die Aachener Nachrichten, später dann auch für die Wissenschaftsseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Ich wollte gerne einen Job im Wissenschaftsjournalismus", erinnert sich Vennen. Er landete auf der anderen Seite des Schreibtisches - zunächst als Öffentlichkeitsarbeiter bei Hoechst, danach bei der Clariant AG in Basel. Seit August vergangenen Jahres ist er nun bei Merck. Sein Job macht ihm Spaß. "Kommunikation für ein Unternehmen ist ungemein spannend. Wie erzeuge ich ein Bild vom Unternehmen, das in den Köpfen hängen bleibt? Es geht darum, Schwerpunkte zu setzen", sagt der "PR-Chemiker". Seine Studienwahl bereut er dennoch nicht, er würde jederzeit wieder Chemie studieren, "schon allein wegen der Teamarbeit und weil es kreatives Denken fördert".

Fachkenntnisse allein reichen längst nicht mehr

Hartmut Vennens Berufsweg ist kein Einzelfall. Immer häufiger arbeiten Chemiker als Unternehmensberater, bei Banken und in Marketingabteilungen, in Bereichen also, die lange Wirtschaftswissenschaftlern vorbehalten waren.

Zwar hat sich die Arbeitsmarktsituation für Chemiker inzwischen wieder entspannt. 1998 waren nach Angaben der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) nur etwa 180 Absolventen arbeitslos. Im selben Jahr gab es insgesamt 4579 arbeitslose Chemiker, immerhin 19 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Schon warnt die chemische Industrie wieder vor einem Chemikermangel, der bald akut werden dürfte. Da Mitte der neunziger Jahre niemandem mehr zu einem Chemiestudium geraten wurde, ist die Zahl der Chemiestudenten dramatisch gesunken. Im Jahr 2003 werden nur 1000 Chemiker promovieren, während es im vergangenen Jahr noch 2200 waren.

Deshalb werben die Unis längst wieder für mehr Chemiestudenten - schließlich sind die Hochschulen die ersten, bei denen sich das Nachwuchsproblem bemerkbar macht: Es wird schwieriger, Doktoranden zu finden, Forschungseinrichtungen können offene Stellen nicht mehr besetzen. Aber auch inhaltlich versuchen die Hochschulen, den geänderten Anforderungen der Chemieunternehmen gerecht zu werden. Gefragt sind nicht mehr reine Spezialisten, sondern Allrounder, die sich auch in Wirtschafts- und Rechtsfragen auskennen.