Den Fahrgast bemerkt er erst, als der ans Fenster klopft - so versunken ist der Taxifahrer in seine Lektüre. Zurückgeholt in die triste Wirklichkeit, markiert er mit einem Lesezeichen eine Seite in Kants Kritik der reinen Vernunft und legt das Buch auf den Rücksitz. Er hält die Wagentür auf, setzt sich hinters Steuer. "Wohin darf ich Sie bringen?"

Jeder hat sie schon gehört, die Geschichte des hoch intelligenten jungen Mannes, der sein Philosophiestudium mit glänzenden Noten abgeschlossen, aber nirgends eine Stelle gefunden hat und sich das Geld für Philosophiebücher, Brot und Wein nun mit Taxifahren verdient. Aber so verbreitet diese Geschichte auch ist - sie ist nicht mehr als ein Klischee mit wenig Wahrheitsgehalt.

Die schlechte: Jeder sechste deutsche Hochschulabsolvent hat zu viel gelernt und gilt deshalb als überqualifiziert. Für viele Berufe, in denen inzwischen Akademiker arbeiten, wäre ein Hochschulstudium gar nicht nötig. Der Ingenieur also als Techniker, die Lehrerin als Erzieherin, die Biologin als Laborantin.

Berufsforscher nennen dieses Phänomen "Ausbildungsinadäquanz" oder "unterwertige Beschäftigung". Seit Beginn der neunziger Jahre finden gerade noch 14 Prozent aller Akademiker in West und Ost eine "ausbildungsadäquate Beschäftigung". Der Anteil unterwertig Beschäftigter nimmt unaufhaltsam zu. Der Grund: Innerhalb der letzten 20 Jahre hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen verdoppelt - der Bedarf an Akademikern aber nicht. Viele Absolventen sind gezwungen, auf andere, oft fachfremde Tätigkeiten auszuweichen.

Geradezu dramatisch, sagt Arbeitsmarktforscher Büchel, entwickele sich die Situation von Frauen mit Hochschulabschluss. Über 25 Prozent der Akademikerinnen haben einen Job, für den sie kein Studium gebraucht hätten. Frauen wählen häufiger als Männer so genannte "weiche" Fächer - wie Literatur, Sprachen oder Kunst. Und für Geisteswissenschaftler ist es noch schwieriger als für andere Akademiker, den richtigen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Frauen sind außerdem häufiger bereit, sich auf schlechter qualifizierte Jobs einzulassen - sei es, weil ihr Partner gut verdient; sei es, weil sie Kinder haben und in ihrem eigentlichen Beruf keine Teilzeitstelle finden.

Zu viel gelernt. Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten, Prüfungen. Katrin Töpner hat an der Universität Bamberg studiert, zwei Staatsexamen abgelegt und ein Referendariat gemacht. Dann war sie Grundschullehrerin - und arbeitslos. Als Lehrerin ist sie viel mehr auf einen einzigen Arbeitgeber angewiesen als andere Akademiker. Doch als sie 1997 ihr Studium beendet hatte, stellte ihr Arbeitgeber, der Freistaat Bayern, kaum neue Lehrer ein. "Der Jahrgang vor mir und der nach mir hatten mehr Glück - bloß bei uns sah es ganz düster aus", erzählt sie. Nur wer im Examen mindestens die Gesamtnote 1,6 erreicht hatte, bekam einen Job. Katrin Töpner, 29, war nicht dabei.

Die Stimmung der Junglehrerin schwankte zwischen Existenzangst und Wut. "Es hatte uns ja keiner vorgewarnt", sagt sie. "Als ich mein Studium anfing, dachte ich, die Anstellungschancen seien gut." Und nun war sie bloß eine Nummer auf der Warteliste - zu weit hinten, um auf baldige Festanstellung hoffen zu können.