Helmut Buss sitzt einsam in der engen Bürowabe. Hinter den grauen Stellwänden rechts und links neben ihm arbeitet niemand. Er ist der Einzige auf der ganzen Etage. Die Genfer UN-Organisationen begehen einen islamischen Feiertag, an dem dann auch Christen, Buddhisten und Hindus zu Hause bleiben dürfen. Helmut Buss genießt die Sonntagsruhe mitten in der Woche. "In den letzten zehn Jahren gab es keinen einzigen Tag, an dem ich morgens dachte, verdammt, jetzt muss ich da schon wieder hin", erzählt er. 1988 fing Helmut Buss beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) an. Als junger Jurist mit Schwerpunkt Völkerrecht wollte er die Welt verändern. Im Senegal bekam er genau eine Woche Zeit, sich von seinem Vorgänger erklären zu lassen, was es heißt, unter UN-Mandat zu arbeiten, dann war der weg, und Buss trug die Verantwortung. Ausgebildet hatte ihn niemand. Mit unbekannten Situationen musste er stets allein fertig werden, egal, ob im Senegal, in Kyrgystan oder in Genf. Inzwischen nennt sich Buss Senior Officer und gehört zu denen, die es geschafft haben, in die "geschlossene Gesellschaft", wie die Uno von ihren eigenen Mitarbeitern genannt wird, einzudringen.

Rund vier Prozent Deutsche arbeiten bei den UN-Organisationen weltweit. Deutschland ist in fast allen UN-Bereichen unterrepräsentiert. Die Zahl der Mitarbeiter entspricht bei weitem nicht dem finanziellen Anteil von neun Prozent am Gesamtbudget der Vereinten Nationen, den Deutschland jedes Jahr pflichtbewusst an die Uno abführt. Dabei mangelt es in Deutschland weder am Bewusstsein, dass mehr internationale Kräfte langfristig herangezogen werden müssen, noch an interessierten Bewerbern. Fachkräfte mit immer besseren Qualifikationen wollen hinaus in die Welt und basteln mit speziellen Studienschwerpunkten und Praktika schon früh an der internationalen Laufbahn. Bis die Lust am internationalen Arbeitsmarkt dann nicht selten an den enormen Einstiegshürden zerbricht. Denn egal, welchen Weg jemand wählt, um in eine internationale Organisation wie UNHCR, Unicef, die Welthandelsorganisation oder das Weltpatentamt zu gelangen, als Deutscher tanzt man selten in der ersten Reihe. Das fängt mit den Stellenausschreibungen an: Wer regelmäßig den Economist liest, hat gute Chancen, von Vakanzen zu erfahren. In deutschen Zeitungen könnte man mehrere Jahre vergeblich blättern. Dank Internet können Deutsche nun aber genauso schnell an neue Ausschreibungen gelangen wie der Rest der Welt. Allerdings gibt es keine Seite, auf der beispielsweise sämtliche Stellenausschreibungen der Uno zusammengefasst wären. Gesucht werden muss bei jeder einzelnen Organisation, und das möglichst mehrmals täglich, um nichts zu verpassen. Mit etwas Glück stößt man auf diese Weise auch auf die Ausschreibungen für die national competetive exams, mit denen das UN-Sekretariat spezielle Fachkräfte aus bestimmten Nationen ansprechen will. Solche Prüfungen werden alle ein bis zwei Jahre für Deutschland ausgeschrieben, und wer dieses Selektionsverfahren übersteht, hat bessere Aussichten auf eine Stelle als jemand, der sich ohne starke Lobby im Rücken bei einer Organisation bewirbt, die seinen Namen noch nie gehört hat.

Katja Weigl hat es geschafft, sie hat alle Voraussetzungen erfüllt, alle Bewerbungsprozeduren überstanden. Als Beigeordnete Sachverständige arbeitet die 28-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin in Genf bei Unctad, der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen. Die Türme unterschiedlich hoher Papierstapel in ihrem Büro wirken noch nicht besonders international, sondern könnten auch aus jedem deutschen Finanz- oder Arbeitsamt stammen. Wie viele ihrer Kollegen versucht Katja Weigl gar nicht erst zu bestreiten, dass natürlich auch die Uno eine träge, viel zu große Behörde ist, mit langen Dienstwegen und viel Bürokratie. Aber es gibt einen Unterschied: Sobald sich Katja Weigl in die Akten vertieft, ist sie irgendwo in Afrika und Asien. Sie arbeitet an Fallstudien und Gutachten über asiatische Direktinvestitionen in fünf afrikanischen Ländern. Und sie wünscht sich, irgendwann den Genfer Schreibtisch für eine Weile verlassen zu können und selbst nach Botswana, Ghana, Mosambik zu reisen, um die Thesen, die sie jeden Tag in den Computer tippt, an der Realität zu messen.

Severin von Xylander, 34 Jahre, fliegt noch an diesem Nachmittag nach Indonesien. Die Kollegen beneiden ihn, denn ausgerechnet auf Bali wird er eine Konferenz zur Kinder- und Jugendgesundheit vorbereiten. Vor vier Jahren begann sein UN-Leben. Zuerst ging der Kinderarzt als JPO nach New York zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), dann folgten zwei Jahre in der Zentrale in Genf. Als seine JPO-Zeit abgelaufen war, bekam Xylander einen Brief vom BFIO mit einem Merkzettel für Arbeitslose. Die Wut darüber hat sich noch nicht gelegt. Bezeichnend sei dieser Vorgang für die deutsche Haltung gegenüber internationalen Nachwuchskräften, empört er sich. Deutschland ermöglicht ihnen den Start, fühlt sich für den Weiterflug aber nicht mehr zuständig. Wer abstürzt, war eben nicht der richtige Kandidat. Xylander ist nicht abgestürzt, hat sich nicht arbeitslos gemeldet, sondern um seine Weiterbeschäftigung gekämpft. Bekommen hat er einen Elfmonatsvertrag, mit dem er in keiner Personalstatistik auftaucht und mit dem er sozial viel schlechter abgesichert ist als zuvor. Dinge, die ihn als Vater von drei Kindern nicht mehr unberührt lassen. Im August läuft der Vertrag aus, wenn er Glück hat, bieten sie ihm den nächsten an. So hangeln sich andere Kollegen schon lange von Jahr zu Jahr - die Unsicherheit werden sie nie los dabei. "Ohne Lobby in Deutschland und extreme Unterstützung läuft hier gar nichts", sagt Severin von Xylander. In Deutschland aber scheint niemand besonderes Interesse an seiner Weiterbeschäftigung bei der WHO zu haben, jedenfalls hat ihm das noch keiner gezeigt.

Die Uno sucht junge Leute, die sich auf Unbekanntes einlassen

"Internationale Fachkräfte aus Deutschland müssen besser koordiniert werden", fordert Karl Flittner, Generalkonsul bei der deutschen Vertretung in Genf. Die Fachreferate der verschiedenen Ministerien würden sich vor allem für Kandidaten einsetzen, die ihren Interessen entsprechen. Meist seien das Seiteneinsteiger, die in Deutschland Karriere gemacht, sich auf internationalem Terrain aber kaum bewegt haben. "Die systematische Förderung von Nachwuchs muss wichtiger sein als die punktuelle Förderung von Seiteneinsteigern, auch wenn diese genauso notwendig ist. Ansonsten wird aber von unten nichts nachwachsen." Nirgends ließe sich dabei besser ansetzen als bei den jungen Beigeordneten Sachverständigen, für die Deutschland allein 1999 17,3 Millionen Mark investierte. In diesem Jahr werden für circa 30 JPO-Stellen rund 15,4 Millionen Mark ausgegeben. Andere Nationen verwandeln die zusätzlichen, freiwilligen Dienste in klare Personalforderungen. JPOs ja, aber nur, wenn sie danach auch übernommen werden - fordern beispielsweise die Amerikaner. Deutschland hält sich in diesen Fragen meist bescheiden zurück.

Birgitta Siefker-Eberle, Koordinatorin für internationale Personalpolitik im Auswärtigen Amt, bestreitet das. "Auch wir haben ein Interesse daran, dass unsere Beigeordneten Sachverständigen übernommen werden", sagt sie. 1999 habe es eine Übernahmequote von 59 Prozent gegeben. Die Übernahmepolitik der Organisationen sei neben der Qualität der Ausbildung und dem deutschen Personalanteil ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung, wohin die Beigeordneten Sachverständigen geschickt werden. Finanzieller Druck werde allerdings nicht ausgeübt. "Hier gilt es, gerade auch die Belange von Dritte-Welt-Ländern zu berücksichtigen, die nicht die Möglichkeiten haben, auf diese Weise internationalen Nachwuchs zu fördern", sagt Birgitta Siefker-Eberle.