Wirtschaft: Das Internet verändert alles. Politik: Alles bleibt, wie es ist. Glaubt wirklich jemand an ein solches Wunder? Längst ist das Internet nicht nur der Treffpunkt von Firmen, Freaks und Familienvätern, sondern auch ein öffentlicher Raum. Dort bündeln sich Interessen, wird politisch koaliert und entschieden.

Vor wenigen Tagen einigten sich Angestellte und Geschäftsleitung der Boeing-Werke in Seattle auf eine Gehaltserhöhung, die einen vierzig Tage währenden Streik beendete. Abgestimmt wurde darüber per Internet. Elektronische Wahlen, deren Ergebnis rechtsgültig ist, fanden jüngst in Arizona statt - und, kaum zu glauben, in Deutschland. Die elektronische Demokratie wird Realität. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Politik verändert, sondern: wie? Und außerdem: Wo darf die Demokratie keinesfalls virtuell werden?

Voller Erfolg? Nicht für die versammelten Experten in Washington. "Das System hätte ich in einer Viertelstunde lahm legen können", sagt der Internet-Kenner David Jefferson. Er bemängelt die Datensicherung. Außerdem sei den meisten Macintosh-Nutzern der Zugang verwehrt gewesen, weil das Sicherheitssystem von Election.com ihr Netzprogramm blockierte.

Das Voting Integrity Project (VIP), eine Nichtregierungsorganisation, war sogar vor ein Bundesgericht gezogen, um die Wahl zu stoppen. Begründung: Online-Wähler seien gegenüber anderen im Vorteil, weil sie volle fünf Tage für die Stimmabgabe Zeit hätten. Der Verein klagte außerdem wegen der Benachteiligung armer und nichtweißer Wähler, die weniger Zugang zum Netz haben. Deborah Philips, die Gründerin von VIP, befürchtet: Wenn die Demokratie ins Netz wandert, werden jene ausgegrenzt, die keinen Zugang haben. Der zuständige Richter wies die Klage ab, verkündete jedoch, er werde die Wahlen für ungültig erklären lassen, sollte das Ergebnis tatsächlich eine Benachteiligung ethnischer Minderheiten widerspiegeln. Im Herbst wird erneut verhandelt.

Der Ausgang des Verfahrens wird das e-business beeinflussen. Etliche Unternehmen haben sich schon auf elektronische Wahlen spezialisiert: Evote.com, Avote.com, i-Politics.com, Microvote oder eBallot.net buhlen um die Gunst von Regierungen, Unternehmen und anderen Organisationen, die ihre Mitarbeiter per Internet abstimmen lassen wollen. "Internet-Wahlen sind ein Nebenprodukt. Geld verdienen wir damit nicht", behauptet Shannon Wainwright von i-Politics.com - "aber vielleicht in ein paar Jahren".

Es beginnt auch in Deutschland. Erst unlängst hatten Wissenschaftler der Universität Kaiserslautern via Netz an der Wahl der Fachgutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft teilgenommen, und in diesem Frühjahr soll im Brandenburger Landesamt für Statistik der Personalrat per Internet gewählt werden.

Als Vorkämpfer versteht sich Dieter Otten, Leiter der Forschungsgruppe Internetwahlen an der Universität Osnabrück. Während seine Soziologenkollegen noch über das Ob und Wieso der elektronischen Demokratie räsonieren, will er zeigen: "Das Netz eignet sich nicht nur für die Information, Diskussion und Verabredungen, sondern auch zum Wählen." Sein Team existiert erst seit zwei Jahren, hat aber bereits Geschichte geschrieben: Sie sorgte dafür, daß am 2. 2. 2000 zum ersten Mal ein Parlament per Internet gewählt wurde - das Osnabrücker Studentenparlament ("Stupa").