Doll, was die Welt da aus den Stasi-Akten zu enthüllen wusste: Ein angesehener Bürger, "Person der Zeitgeschichte", erhielt 1988 Besuch von der Staatssicherheit. Er schimpfte auf Mielkes riesigen Apparat, dann wurde es privat. Dinge kamen zur Sprache, die außerhalb der Famlie niemanden etwas angehen: das Verhältnis zu seinen Kindern, seine Versäumnisse als Vater.

Der Abschied zwischen Person der Zeitgeschichte und Spitzel geriet nicht unfreundlich, die ganze Begegnung war, wie der Herr von der Firma Horch & Guck danach notierte, "von gegenseitiger Akzeptanz charakterisiert". Deshalb schlug er vor, aus dem Observierten einen Informanten zu machen.

"Die Welt druckte meine Akte damals, um mich zu kriminalisieren", sagt der betroffene Herr heute. Im ersten Impuls habe er damals gegen die Zeitung vorgehen wollen. "Das Unbehagen des Liberalen, das mich beim Gedanken an die Veröffentlichung von abgehörten Gesprächen befällt, ist auch mein ganz persönliches." Der Mann weiß aus eigener Erfahrung, was in Opfern vor sich geht - denen der Stasi und denen der Zeitungen. Und trotzdem besteht er auf Anwendung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes. Er plädiert für die Freigabe von Zusammenfassungen jener Abhörprotokolle, die von der politischen Elite des Westens existieren - bereinigt allerdings um Persönliches.

Der Herr, der von sich sagt: "Mir ging's wie Helmut Kohl", heißt Joachim Gauck und will nun als Verwalter der Stasi-Akten durchsetzen, dass es Helmut Kohl so gehen wird wie einst ihm.

Seit Helmut Kohls Telefongebaren öffentliches Interesse genießt und seiner Spendenaffäre unerwartete Erhellung aus den Archiven der Stasi droht, ist die Schlussstrich-Debatte wieder entbrannt: Akten zu! Augen zu! Papiere wegschließen für 30 Jahre, bis der Mantel der Geschichte sich über alles gebreitet hat. Aber da ist Joachim Gauck vor: "Der Schlussstrich begünstigt immer die Interessen der vormals repressiven Herrscher und benachteiligt immer die, die vormals ihrer Würde beraubt waren." Und Helmut Kohl, der wohl ein Herrscher war, aber bloß ein klein bisschen repressiv, der ein Stasi-Opfer war, aber gewiss kein Stasi-Täter - was ist mit seinen Rechten, seiner Würde?

Da holt Joachim Gauck zu einem längeren Vortrag über das Stasi-Unterlagen-Gesetz aus: "Es ist ein systemfremdes Gesetz hineingeraten in das Land des Datenschutzes. Bei genauem Hinsehen gelang dem Gesetzgeber der deutschen Einheit etwas Großes, ein liberaler Perspektivenwechsel zugunsten der Majorität der Unterdrückten. Die Rückgewinnung der Würde lag ihm so am Herzen, dass er die Vorschriften des Datenschutzes veränderte. Hauptziel war es, die Öffentlichkeit zu informieren. Da muss ich als Person der Zeitgeschichte dulden, dass das Bonum der Aufklärung meine Persönlichkeitsrechte einschränkt."

Die Kohl-Akte ist schon angefordert - von vielen Medien und vom Kanzler der Einheit selbst. Der wird sie als Erster erhalten. So hat er es am Dienstag mit der Gauck-Behörde vereinbart. Dadurch ist dem Streit vorerst die Schärfe genommen. Doch der Dissens bleibt bestehen. Kohl will die Weitergabe seiner Akte verhindern - notfalls mithilfe des Bundesverfassungsgerichtes.