Der reichste Verlierer in den vergangenen Tagen ist Bill Gates: Ein verlorener Prozess kostete ihn 18 Milliarden Mark. Schwer zu sagen, ob seine Niederlage ihn stärken wird oder ob nicht umgekehrt seine Stärke ihm diese Niederlage einbrachte. Denn Gates' Firma Microsoft war für ihr pompöses Selbstbewusstsein berühmt, mit dem sie wie der dickste Haifisch durch das Becken schwamm und alles schluckte, was keinen sicheren Winkel fand. Am gegenwärtigen Prozessgegner hat sich der Haifisch verschluckt; vielleicht wäre ein weniger erfolgreicher Kapitalist als Bill Gates vorsichtiger gewesen.

In der naiven Erfolgspsychologie, dem positiven Denken, das so oft entweder nicht positiv ist oder kein Denken, gibt es nur zwei Typen: Gewinner und Verlierer. Gewinner glauben an sich, Verlierer zweifeln. Gewinner tragen große Scheine in der Hosentasche, um das Geld im direkten Körperkontakt dazu zu bringen, sie zu lieben. Verlierer tragen einen Geldbeutel in der Gesäßtasche, aber jeder Dieb weiß: Es lohnt sich nicht, ihn zu ziehen, denn ihr Geld liegt auf einem Sparbuch. Gewinner hingegen spekulieren an der Börse.

Während wir alle lieber gewinnen als verlieren, ist ein anderer Satz ebenso wahr: Erst in der Niederlage zeigt ein Mensch sein wahres Ich. Wer siegt, braucht keinen Charakter. Sein Erfolg ersetzt diesen vollständig. Wer verliert, teste seine Persönlichkeit unter Stress. Sie kann ihm standhalten oder an ihm scheitern.

Werden Menschen durch Niederlagen stärker? Die naive Lehre vom positiven Denken würde sagen: Nur dann, wenn es ihnen gelingt, die Niederlage so schnell wie möglich wieder aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Die naive Alltagspsychologie geht eher davon aus, dass Menschen durch Leid reifen. Sie erweitert das zu der kühnen These, dass besonders viel Leid auch besonders viel Reife mit sich bringt. In Wahrheit ist die Lage komplizierter, allerdings nicht so kompliziert, dass es keine Formel mehr für sie gäbe. Diese Formel lautet: "Optimale Versagung". Gar keine Niederlagen kitzeln unsere Größenfantasie und führen zur Selbstüberschätzung. Kleine Niederlagen wecken schlummernde Kräfte und stärken die Wachsamkeit. In ihrer Überwindung baut sich ein stabiles Selbstgefühl auf. Große Niederlagen hingegen lähmen unsere Energie und zermürben das Selbstgefühl.

Die ersten Modelle, wie wir mit Niederlagen umgehen sollen, verdanken wir wie so viele gute und böse Errungenschaften dem Krieg. Daran zu denken, dass eine Schlacht auch verloren werden kann, sich auf diese Möglichkeit einzustellen, Vorbereitungen zu treffen und zu retten, was zu retten ist, das unterscheidet den Feldherrn vom Raufbold. Nichts ist leichter, als während eines Siegeszugs seine Truppen zusammenzuhalten; erst nach der verlorenen Schlacht oder während eines Rückzugs zeigt sich die Führungskraft eines Strategen. Ein geordneter Rückzug, eine sorgfältig geplante und zügig abgewickelte Frontverkürzung verkleinern Verluste und erhalten die Moral der Truppe. Ein General, der nur Erfolge zur Kenntnis nehmen will, riskiert den völligen Zusammenbruch seiner Soldaten, panische Flucht, hohe Verluste und einen nicht wieder gutzumachenden Schaden an seinem Ruf. Solange Napoleon bei seinen Garden blieb, mochte das Kriegsglück wechseln, aber der Erfolg blieb ihm treu. Als er in Russland seine Soldaten im Stich ließ, sank sein Stern.

Was Therapeuten Verlieren raten, gleicht diesem strategischen Modell. Sie sollen sich klar machen, dass sie eine begrenzte Niederlage erlitten haben, aber damit doch nicht alles verloren ist, was sie in ihrem Leben aufgebaut haben. Sie sollen versuchen, den Schaden realistisch einzuschätzen und künftig ihre naiven Vorstellungen korrigieren, dass im Leben alles glatt gehen muss.

Vor allem aber wird der selbstbewusste Berater dem Verlierer klar machen, dass er ihn viel zu spät aufsuchte. Weit hilfreicher wäre sein Rat gewesen, ehe das Risikokapital investiert wurde, das jetzt verloren ist. Er hätte abgeraten, die Bankbürgschaft für den Weinhandel des neuen Geliebten zu unterschreiben, der sich leider als Alkoholiker entpuppt hat. Er hätte Bedenken geäußert, die Ehe mit dem Model zu schließen, das nach dem Honigmond nur noch an seine Karriere denkt. Er hätte gemahnt, den gut bezahlten Job nicht zu kündigen, ehe kein neuer Arbeitsvertrag unterschrieben ist.