Merkwürdig: Manchmal mausern sich Errungenschaften, die ungestraft als "wahn- und widersinnig" gebrandmarkt werden dürfen, zu wahren Exportschlagern der Deutschland AG. Zu diesen Errungenschaften zählt der Grüne Punkt, der hierzulande Cola-Dosen, Pizza-Schachteln und Jogurtbecher ziert. Doch während der Bochumer Innovationsforscher Erich Staudt der Duales System Deutschland AG (DSD) das unschöne Attribut verpasst, freut sich der DSD-Vorstandsvorsitzende Wolfram Brück über immer mehr Freunde seines Grünen Punktes, auch jenseits der deutschen Grenzen. Als zehnte Nation kopiert gerade Lettland die hiesigen Paragrafen zur getrennten Sammlung und Verwertung von Verpackungen, das "weltweit komplizierteste Müllsystem", wie die Financial Times urteilt. Eine "positive Entwicklung", gratuliert Wolfram Brück den Balten zu ihrem Nachahmungseifer.

Brück hat allen Anlass, Gelassenheit zu demonstrieren. Denn daheim in Deutschland könnte die Luft für den Müllmonopolisten bald dünn werden. Der Grund dafür trägt einen Namen: Karl Ihmels, Landrat des Lahn-Dill-Kreises in Hessen. Seit Jahren liefert sich der promovierte Jurist, der seine Karriere als einfacher Postbediensteter begann, mit Brück und dessen Grünem Punkt einen erbitterten Streit um den Verpackungsmüll. "Wenn der Ihmels zu mir ins Büro kommt, fliegt er sofort wieder raus", zitierte das Handelsblatt schon vor längerer Zeit den Müllmanager. Ihmels wiederum, der gerade seinen 59. Geburtstag feierte, erklärt die Nervosität in der Kölner DSD-Zentrale so: "Das geht jetzt in die Weichteile von denen." Ihmels zeigt dem Grünen Punkt die rote Karte. Deshalb geht es zwischen ihm und Brück deftig zu.

Seit Jahren tobt der Streit um den gelben Sack

Gelingt es dem Müllrevoluzzer Ihmels, mit dieser Unbedenklichkeitsbescheinigung Juristen und Politiker zu überzeugen, wäre das Duale System "erledigt", prophezeit Jürgen Hahn, Leiter der Abfallabteilung des Umweltbundesamtes. Er hält Ihmels Konzept nicht nur für "ökonomisch und ökologisch vertretbar", sondern geradezu für "modellhaft".

Diese Anerkennung verweigert so mancher Müllexperte dagegen der DSD AG, die ihre Existenz der Verpackungsverordnung des früheren Umweltministers Klaus Töpfer verdankt. Seit Jahren tobt der Streit vor allem um den Gelben Sack, in dem der ökologisch korrekte Deutsche 24,9 Kilogramm so genannte Leichtverpackungen sammelt - Blechdosen, Milchkartons und Jogurtbecher zum Beispiel, in der Terminologie des hiesigen Abfallrechts freilich keineswegs einfach nur Müll, sondern "Abfall zur Verwertung". Allerdings setzt dieses Recycling die Trennung und Sortierung der Ingredienzien des Gelben Sackes voraus; und das verursacht immense Kosten ausgerechnet bei der eigentlichen Neuerung des Dualen Systems, der Erfassung von zuletzt rund 600 000 Tonnen Verpackungen aus Plaste.

Für die Sammlung, Sortierung und Verwertung von einer Tonne Kunststoffverpackungen treiben die DSD-Verwalter bei den mittlerweile rund 18 500 Lizenznehmern des Grünen Punktes fast 2700 Mark pro Tonne ein. Die Hersteller und Abfüller von Konsumgütern reichen dies wiederum an die Verbraucher weiter, die am Ende - fast unbemerkt über die Produktpreise - um rund 1,6 Milliarden Mark pro Jahr ärmer sind. Doch dabei geht es nur um einen Bruchteil ihres Mülls. Am gesamten Hausmüllaufkommen von schätzungsweise 24 Millionen Tonnen haben die Plastikverpackungen einen Anteil von weniger als 3 Prozent. Würden die restlichen 97 Prozent genauso teuer entsorgt, wären die Haushalte ein Vermögen los.

Dem kleinen Müllanteil von Plastikverpackungen mit hohem Aufwand hinterherzujagen halten selbst Umweltschützer für kaum gerechtfertigt. Wegen der Beimischung unzähliger Additive sind Kunststoffe höchst unterschiedliche Chemieverbindungen, weshalb sich nur schwer sortenreiner und deshalb hochwertiger Sekundärrohstoff aus ihnen gewinnen lässt. Am Ende der als ökologisch besonders wertvoll geltenden "werkstofflichen" Verwertung stehen - selbstverständlich außer vielen neuen Gelben Säcken - nicht selten "Sargfüße und Parkbänke", wie der Experte Hahn vom Umweltbundesamt abschätzig bemerkt. Den dafür betriebenen Aufwand bezeichnet er als "völlig unverhältnismäßig".