Wenn die Finanzminister und Notenbankchefs an diesem Wochenende zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zusammenkommen, werden sie vermutlich wieder einem deutschen Politiker nacheifern: Helmut Kohl. Schon vor zweieinhalb Jahren haben sie ihn zum Vorbild genommen: Damals erschütterte die Asienkrise die Welt, von allen Seiten erklang der Ruf nach einer neuen Finanzmarktarchitektur. Der IWF und die Minister aber warteten ab, saßen aus und hofften darauf, dass Ökonomen und Journalisten bald Ruhe gäben. Sie haben Recht behalten. Die Debatte um eine Reform ist leiser geworden. Das mag auch am Begriff liegen: Weltfinanzmarktarchitektur klingt etwas sperrig. Dabei könnte man die Frage auch griffiger formulieren: Sind Kapitalisten dumme Menschen?

Zumindest sind sie keine schlechten Menschen. Der Wall-Street-Experte Philip Carret schrieb in seinem Klassiker The Art of Speculation schon vor siebzig Jahren, nur ein ökonomischer Analphabet könne Kapitalgeber als Parasiten sehen. Ob kleiner Privatanleger oder große Bank - wer Geld in Staatsanleihen oder Aktien steckt, gibt Ländern und Unternehmen die Möglichkeit, Fabriken zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Probleme entstehen erst, wenn die Geldgeber zu Geldwegnehmern werden. Wenn sie ihr Kapital plötzlich wieder zurückholen.

Weil sie nicht dumm sind, sondern besonders schlau! Das ist die Antwort des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Allan Meltzer (ZEIT Nr. 12/00). Der sagt sinngemäß, die beste Krisenprävention sei das Nichtstun. Institutionelle wie private Anleger würden nur deshalb Geld in morsche Ökonomien stecken, weil sie wüssten, das der IWF im Notfall für ihre Verluste aufkomme - so wie in der Vergangenheit wiederholt geschehen. Die Finanzspritzen des Fonds waren demnach der Sicherheitsschirm, von dem die Investoren wussten, dass er sich im Notfall öffnet.

Meltzers Rat: Entferne den Schirm, verringere die Krisenkredite, und die Kapitalgeber werden vorsichtiger und stecken ihr Geld nur noch in sichere Anlagen. Das zwinge Kapital suchende Länder und Unternehmen zu einer ökonomisch vernünftigen Politik und verhindere plötzliche Kapitalflucht. Denn, so das Menschenbild dahinter, Anleger sind rational handelnde Wesen, die wissen, was sie tun. Ihr Geld geben sie nur Unternehmen und Ländern, bei denen sich das auch lohnt, die es sich sozusagen verdient haben. Wenn der IWF so denkt, muss er sich selbst beschneiden, wenn nicht sogar abschaffen - so wie Meltzer es fordert. Erst dann können die Finanzmärkte krisenfrei funktionieren.

Man kann allerdings auch ganz anders denken, zum Beispiel so wie der Harvard-Ökonom Richard Cooper. Nach dessen Ansicht zeichnet sich jeder Kapitalanleger vor allem durch eine Eigenschaft aus: Anpassung an die Mehrheit der anderen Anleger. Demnach galt es Mitte der neunziger Jahre einfach als schick, in die asiatischen Tigerstaaten zu investieren. Kapitalgeber folgen nach diesem Ansatz weniger den Informationen, die sie über das Land oder Unternehmen haben, in das sie investieren. Sondern eher selbst geschaffenen Trends, die so schnell und unvorhersehbar umschlagen wie jede Mode, ohne dass sich die ökonomischen Daten entsprechend verändert hätten.

So waren die asiatischen Banken schon korrupt, als dorthin noch kräftig Geld floss. So stieg der Yen in den vergangenen Monaten gegenüber dem Euro, obwohl die japanische Wirtschaft daniederliegt. Noch heute bekommen Wirtschaftsstudenten Modelle beigebracht, wonach die Wechselkurse in erster Linie von den Handelsströmen abhängen. Nach Ansicht von Finanzmarktexperten allerdings sind heute 90 Prozent der Devisengeschäfte Spekulationsgeschäfte. Sie richten sich nicht nach Handelsströmen oder anderen Fundamentaldaten, sondern nach kurzfristigen Trends. Kapitalgeber sind demnach zwar nicht unbedingt dumm, aber doch ignorant und vor allem sprunghaft. Wer will, dass deren Geld in die richtigen Hände gerät und dort auch bleibt, muss Spekulationsgeschäfte erschweren.

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger James Tobin empfahl schon vor Jahren, den Spekulanten "Sand ins Getriebe zu streuen", indem man auf den Devisenhandel eine Steuer erhebt - die nach ihm benannte Tobin-Tax. Eine andere Möglichkeit sind Kapitalverkehrskontrollen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich ausgerechnet Malaysia am besten von der Asienkrise erholt hat - ein Land, das auf die Krise mit der Einführung solcher Kontrollen reagierte. Wenn der IWF also denkt, dass sich Kapitalanleger zumindest manchmal wenig um ökonomische Daten kümmern, dann sollte er die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen verlangen.