Konspiratives Denken war dem Mann nicht fremd. Solche Dinge, bat er, möge man doch nicht am Bürotelefon besprechen. "Wir müssen uns etwas einfallen lassen mit der Telefoniererei mit den Firmen da unten in der Schweiz." Es sei wohl besser, so sensible Unterhaltungen außer Haus zu führen. "Mein Telefon ist genauso problematisch", sagte der andere. Wie problematisch, ahnt die Republik seit knapp zwei Wochen. Uwe Lüthje, über Jahrzehnte sturmerprobter Spendensammler der CDU, wurde jahrelang von Erich Mielkes elektronischen Funkaufklärern systematisch abgehört - und die profitierten von Lüthjes Nachlässigkeiten.

Der Mann sprach Klartext am Telefon, allen Ahnungen über ungebetene Zuhörer zum Trotz: Mal bekundete er "ein großes schatzmeisterliches Interesse" an der Waffenschmiede MBB, mal wollte er einem Herren, der in diesem Zusammenhang "verrückt spielt (...) ganz knallhart unter Druck setzen", mal drohte er dem führenden Politiker "E" von der SPD, dass "ein Skandal mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit" auf seine Partei zukomme. Auch "die andere Feldpostnummer" habe in dem Geflecht rund um den Flick-Spendenskandal nicht unbedingt saubere Hände.

Gut möglich, dass die Hauptabteilung III des Staatssicherheitsdienstes dank der Redseligkeit der Herren bestens über das geheime Reich aus Steueroasen, schwarzen Konten und Geldflüssen zwischen Gebern und Nehmern über Ländergrenzen hinweg informiert war. Mielkes Diener dokumentierten penibel, was über vorgeblich abhörsichere Telefonleitungen zu hören war. Kein Problem: dank westlicher High-Tech-Geräte der Marke Uher.

Was die Horcher am 16. Juni 1980 von Lüthje zu hören bekamen, bringt jetzt Altkanzler Kohl in Not, sollten die Mitglieder des Ausschusses die Gesprächsprotokolle denn anfordern. Dort könnten sie lesen, "dass die CDU in der Schweiz beim Bankhaus ,fonthobel' über ein Konto verfügt", auf dem "offensichtlich über Deckadressen Gelder aus der BRD für die CDU eingezahlt werden können". Kontostand am 6. Juni 1980: 593 000 Mark.

Vontobel - das war wohl gemeint - müsste ein Reizwort für die Abgeordneten sein. Hat doch Helmut Kohl stets abgestritten, von Auslandskonten gewusst zu haben. Ein weiteres Protokoll vom 29. Juli 1976 dürfte die Abgeordneten ebenso interessieren. Kiep erzählt seinem Helfer Lüthje, wie "ich Ihnen berichtete, von einem Gespräch mit Kohl, wo er sagt, haben wir noch irgendwo irgendwas beiseite geschafft". Antwort Lüthje: "Ja."

Bisher hat der Untersuchungsausschuss abgelehnt, Mielkes illegale Abhörprotokolle zu verwenden. Eine strenge Haltung angesichts der Schwierigkeiten, die der Ausschuss hat, seit die wesentlichen Zeugen es vorziehen zu schweigen. Die Haltung des Ausschusses kann sich ändern.

Helmut Kohl selbst könnte die Abgeordneten ein gutes Stück weiterbringen. Wenn er wollte. Das Gleiche gilt wohl für seine Stasi-Akte. Der Tagesspiegel beschrieb am Montag, wie sehr die DDR-Abhörtruppe den Kanzler am Ohr hatte. "Der gläserne Riese" wurde, so hochrangige MfS-Offiziere, rund um die Uhr belauscht. "Das Kanzleramt", zitiert das Blatt einen Mann Mielkes, "war für uns absolut offen." Privat und dienstlich wurden "alle anfallenden Gespräche" Kohls zu Hause, im Kanzleramt, am Autotelefon oder am eigenen Apparat im Dienstzimmer aufgezeichnet. Das Ziel: "Interne Vorgänge", "Angaben zum Privatbereich" und "kompromittierende Fakten". Den Angaben der Abhörer zufolge müsste die Sammlung der Protokolle ein Aktenkonvolut von 9000 Seiten ergeben. Spannende Lektüre für Zeitgeschichtler, die das System Kohl begreifen wollen. Nützliche für die, die sich fragen, ob Regierungsentscheidungen im Dunst von Politik und Wirtschaft unter Kohl käuflich waren. Oder für jene, die wissen wollen, ob die Stasi Druck auf Kohl ausüben konnte.