Symbolische Politik folgt ihren eigenen Gesetzen: viel Verpackung, wenig Inhalt. So ähnlich ergeht es auch einem "historischen" Projekt namens Atomausstieg. Schon im Dezember 1998, noch vor Beginn der offiziellen Konsensverhandlungen, sickerte in die Öffentlichkeit durch, dass Kanzler Gerhard Schröder sich mit den Spitzen der Stromwirtschaft grundsätzlich auf einen Ausstiegsfahrplan geeinigt habe: Schluss mit der Kernenergie in 20 Jahren. Gut möglich, dass Schröder und die Nuklearoberen demnächst eine ähnliche Ziffer als Ergebnis eines hart erarbeiteten Atomkonsenses verkünden.

Was in der Zwischenzeit geschah, gehört in die Rubrik Politunterhaltung. Das Versprechen im Koalitionsvertrag, binnen 100 Tagen das Atomgesetz zu novellieren: vom Kanzler einkassiert. Umweltminister Jürgen Trittin: von Schröder wegen "wichtigtuerischem Gehabe" abgewatscht. Die Grünen: fast zerrissen zwischen dem Wunsch nach einem Sofortausstieg und der Erkenntnis, als Minipartner in der Regierung doch nichts dafür tun zu können. Aus dem geplanten Ende der Kernspaltung drohte mehr als einmal eine Koalitionsspaltung zu werden.

Die anhaltende Unsicherheit drückt auf den Aktienkurs der Atomunternehmen. Rot-Grün könnte vor den NRW-Wahlen ein Ergebnis ebenfalls gut gebrauchen. Warum also sollten sich Schröder und die Nuklearoberen nicht endlich auf eine für alle gesichtswahrende Ausstiegsformel einigen? Symbolische Politik haben sie lange genug vorgeführt.