Der aktuelle Landesfürst is not amused . Man sei ja tolerant in Bayern, sagt Edmund Stoiber und lächelt sein Rasierklingenlippenlächeln, außerdem sei es immer erfreulich, wenn man sich mit der Geschichte des Freistaates beschäftige. Rudolf Mooshammer, der Mensch gewordene Frisiertisch und etwa fünftprominenteste Premierengast, ist da weniger diplomatisch. Ludwig als Haschischraucher - das geht nicht.

Dabei durften die beiden Zeugen sein eines der größten Bühnentode überhaupt. Gemächlich schritt der König ins Wasser und verschwand schließlich vollständig darin, nicht das kleinste Kräuseln erinnerte mehr an ihn und sein wunderbar wattiges Haar. Glücklicherweise hatte er vorher sein Mikrofon abgelegt, sonst hätte es noch einen Kurzschluss gegeben in seinem schwarzen Anzug.

Ein Blumenlied auf Japanisch für die Gäste aus Fernost

Nein, lautete das Urteil der Hirschhornknopffraktion, sie hatten zu viele unbayerische Umtriebe gesehen. Hoffentlich, findet der aufgeklärte Rest, denn das Musical hat entschieden große Momente. Der Tod im See. Die Schlittenfahrt mit zwei echten Schimmeln, die brav minutenlang auf Laufbändern traben - Schnee von oben und den singenden König im Nacken - und schließlich durch einen halbkreisförmigen Ausschnitt im Vorhang wie in eine der Schneeschüttelkugel gesperrt wirken, die man in jedem Souvenirladen der Gegend kaufen kann. Eine nächtliche Ballonfahrt um die Welt, bei der Ludwig auf zwei Damen im Kimono trifft, die auf Japanisch ein Blumenlied für ihn singen. Die japanischen Obertitel werden durch deutsche ersetzt, der König bedankt sich artig mit einem Porzellanschwan, und die Gäste aus Fernost werden toben.

Oder die Separataufführung von Wagners Siegfried für den König. Dabei sitzt das Musicalpublikum gleichsam hinter den Kulissen und sieht den blondesten Helden im theatralischen Kampf mit dem Drachen, Modell Keith Haring trifft Augsburger Puppenkiste, das von drei Bühnenarbeitern mühsam in Bewegung gehalten wird. Ein roter Putzlumpen auf einem Besenstil muss als Drachenfeuer herhalten, zehn Meter rotes Band als Drachenblutfontäne. So ergriffen verfolgt der König diese Posse, dass man sich schon da um seinen Geisteszustand sorgt, erst recht, als er seinen Freund Wagner mit Cosima von Bülow nicht ganz quellengetreu in flagranti in der Drachenhöhle aus Pappmaché ertappt. Den echten Wagnerianern wird der Klamauk gar nicht gefallen, aber "99 Prozent der Wagner-Anhänger sind sowieso total unmusikalisch", heißt es irgendwann einmal im Verlaufe des Stücks. Dazu lässt Hummel nicht einfach Wagner spielen, sondern hat eine Musik komponiert, die für die Ohren des 21. Jahrhunderts so fremd klingen soll wie Wagner für das 19.

Das könnte das Erfolgsgeheimnis des Stückes werden: dass es den größten Kini-Kitsch opulent in Szene setzt und dann ironisch bricht, ihn aber nicht denunziert. Man spürt die Lust, mit der die avantgardegestählten und -müden Macher sich in ihrem gigantischen, postmodernen Spielzimmer einmal so richtig austoben und sich dabei augenzwinkernd zuschauen. "Es gibt eine legitime Sehnsucht nach einer volkstümlichen Bühnenkunst", sagt Hummel, "und die sollte man mit Freude und Anstand erfüllen." Offenbar haben diese Sehnsucht vor allem die Initiatoren selbst verspürt; und um den Hochkulturfetischisten die Häme nicht zu leicht zu machen, haben sie ihr Werk in einem Begleitbuch mit allerlei intellektuellem Flankenschutz von Kracauer bis Eco versehen - hätten sie das gelassen, wäre einem ihr fintenreiches Vexierspiel noch sympathischer.

Denn Inszenierung und Musik sind selbstreflexiv genug. Noch bevor der blaue Samtvorhang mit Schwanenapplikationen das erste Mal hochgeht, wird der Vorwurf, hier doch nur Touristen zu neppen, konterkariert. Ein Fremdenführer geleitet vier Allgäu-Touristen durch das Theater und macht sich über die Hybris von Barbarino & Co. gelinde lustig. Das Stück, nein, das ganze Haus ist ein einziges elaboriertes Zeichensystem, in dem die üppigen Barockbilderrahmen aus Beton gegossen sind, der Schwanenkult noch die Fruchtgummis im Mitbringselladen erfasst und der Tatort -Kommissar Bienzle alias Dietz-Werner Steck einen Wagner spielt, der Beuys zitiert. Und der Komponist imitiert Wagner, Chopin, bayerische Blasmusik, Gershwin undundund - und markiert doch immer den Unterschied. Die Blasmusik, mit der Ludwigs Minister bei jedem Auftritt desavouiert werden, ist kein simples Humptata, sondern vertrackt gesetzt - und dennoch Oktoberfest-tauglich. Bei diesem Operettical bekommt der gewöhnliche Bustourist sein Futter, und auch die Klassikfreunde der gebildeten Stände haben was zu knabbern: Wo hat er das schon wieder abgehört?