Als Chefredakteur Manfred Schumacher bei Focus Money zurücktreten musste, weil das Heft Aktientipps zu Firmen gab, die von seiner Frau beraten wurden, meinte der Herausgeber Helmut Markwort - siehe die Kolumne Offline, - der erzwungene Schritt sei lobenswert, und sonst gebe es eigentlich nichts aufzuklären. Niemand bei Burda fühlte sich aufgerufen, offen zu legen, was da schief gelaufen war.

Da verwiesen manche Kritiker auf die Vereinigten Staaten. Im Mutterland der Meinungsfreiheit wisse die Presse auch um ihre Verantwortung, bei Interessenkonflikten gelte der Grundsatz der Offenlegung. Stimmt das?

So ähnlich ist es mit den journalistischen Richtlinien in Amerika. Seit 1922 sind die Möglichkeiten, an den Börsen mit Insiderwissen einen Reibach zu machen, um vieles größer geworden. Aber Artikel III des journalistischen Verhaltenskodex bedarf, wie auch die anderen fünf Artikel, keiner Neufassung.

"Unabhängigkeit. Journalisten müssen Unanständigkeit vermeiden, auch den Anschein von Unanständigkeit, wie auch jeglichen Interessenkonflikt oder den Anschein von Konflikt. Sie sollten weder etwas annehmen noch einer Tätigkeit nachgehen, die ihre Integrität kompromittiert oder ihre Integrität zu kompromittieren scheint." Auch nur der Anschein von Konflikt ist also zu vermeiden. Und das bedeutet geradezu zwingend: offen legen. Nun ist aber auch die beste Verfassung nur so gut wie, um im Bild zu bleiben, die Ausführungsbestimmung, wie die Staatsanwaltschaft und die Gerichte.

Ein Fall, der ein paar Jahre zurückliegt, allerdings nicht einer von Insidergeschäften, zeigt, dass es auch in Amerika etwas gibt, das Juristen "Vollzugsdefizit" nennen. Ein Reporter und ein Fotograf des St. Louis Post-Dispatch begleiteten Polizisten, als diese in ein Haus eindrangen, in dem sie ein illegales Pornogeschäft vermuteten. Ein Aufmacher mit drei Bildern war die journalistische Ausbeute. Bald aber stellte sich heraus, dass die Verdächtigungen unhaltbar waren. William Woo, einer der Journalisten des Post-Dispatch, wurde von dem Hausbesitzer gefragt, woher sie das Recht genommen hatten, in seine Privatsphäre einzudringen. Woo wiederum fragte seinen zuständigen Redakteur. Und der beschied ihm mit einem Blick, als könne Woo nicht zwei und zwei zusammenzählen: "Da Reingehen ist doch reine Routine."

Schon vor dem Reality-TV fanden leitende Redakteure einer angesehenen Zeitung nichts dabei, die Privatsphäre zu verletzen. Routinemäßig wurde der Verhaltenskodex verletzt. In diesem Fall Artikel I Verantwortung und Artikel VI Fair Play.

Woo verließ den aktiven Journalismus, wurde Hochschullehrer an der Stanford University. Sein Forschungsgebiet: journalistische Ethik. Notwendig ist solche Forschung schon lange. Aber der Boom an den Börsen macht sie wichtiger denn je. Denn mit jedem Anstieg des Börsenindex wächst auch die Versuchung für die Journalisten. Ob da aber die althergebrachten Grundsätze reichen? Michael Josephson, ebenfalls ein Ethikforscher an der Westküste, glaubt es nicht: "Die Journalisten akzeptieren kein Regelwerk, sie haben den Machostolz, alles ad hoc zu entscheiden."