Der Regisseur ist 30 Jahre alt. Der Gedanke drängt sich einfach immer wieder auf, schon im Kino, während der Film noch läuft. Da möchte man ihn beiseite schieben - denn zunächst einmal zählt doch allein das Werk. Aber es geht nicht. Der Regisseur dieses Films war zur Zeit der Dreharbeiten 29 Jahre alt. Wir wissen es, also wundern wir uns.

Magnolia von Paul Thomas Anderson ist ein gutartiges Monstrum, 189 Minuten lang, voll gestopft mit Charakteren und Erzählsträngen, zusammengehalten von gewagt ausgreifenden Parallelmontagen, abgerundet durch einen kickstartenden Kommentar zu den merkwürdigen Wechselfällen des Lebens, gekrönt von einer biblischen Heimsuchung, insgesamt tief getaucht in edelste Gesinnung und übrigens ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale. Ein großer Wurf, auf jeden Fall. Nur schleicht sich gleich ein leichtes Unbehagen in diese Feststellung, denn sie kommt einem vor wie ein Echo. Man scheint damit nur nachzureden, was der Film selbst schon immer von sich mitteilt, in jeder seiner ausführlichen Sequenzen: Ich bin ein großer Wurf. So etwas will man sich nicht vorsagen lassen.

Angeblich war Magnolia einmal ein kleines, bescheidenes Projekt, das sich auswuchs, je tiefer Anderson in seinen Stoff hineinhorchte. Andererseits hat der Regisseur auf die Interview-Frage Warum so lang? gesagt: Es gibt doch dieses Genre des Drei-Stunden-Films; Magnolia ist mein Beitrag dazu. So sieht es aus. Denn Andersons Filme strahlen, vor allem anderen, eine große Sicherheit im Auftritt aus. Hier sucht kein Thema den passenden Rahmen, hier braucht ein Rahmen das Thema, das ihn am besten zur Geltung bringt. Als Erstes scheint die Preisklasse eines Werks festzustehen. Drei-Stunden-Film! Altman de Luxe! The Big Picture! Schon bei Andersons letztem Werk Boogie Nights, dem Abgesang auf die Pornoindustrie, hatte man den Eindruck, am wichtigsten seien die Eckdaten Panorama, Aufstieg-und-Fall, Ende-einer-Ära. Zunächst wurde gewissermaßen die Größe des Backblechs bestimmt, anschließend musste nur noch genug Teigmasse her, um auch in alle Ecken etwas ausrollen zu können.

Diesmal also das XXL-Blech. Da braucht es ordentlich was zu kneten, und Anderson schafft entsprechend ran und walzt beherzt aus. Leben und Sterben in L.A., Menschen am Wendepunkt, kurz vor, kurz nach dem läuternden Zusammenbruch. Ein Satz taucht immer wieder auf: Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns. Was zu beweisen ist, dreifach, vierfach. Väter suchen nach verlorenen Söhnen, verlorene Töchter flehen nach Liebe, verwundete Herzen schließen einander behutsam auf, es schlägt die Stunde von Reue und Vergebung. Nicht alles wird gut, aber vieles, und mitten in der langen Nacht der Geständnisse hagelt es Kröten, als probe der Himmel fürs Jüngste Gericht. Es gibt neun Hauptfiguren, bündelweise Querbezüge, Symmetrien, Spiegelungen. Die eine Wunde heilt, die andere blutet weiter, der eine Vater stellt sich dem verkorksten Sohn, der nächste verkorkst gerade erst den seinen.

Wo fängt man an zu erzählen? Beim Polizisten Jim (John C. Reilly), dem gütigsten Cop der Stadt, der zufällig die zugekokste Claudia (Melora Walters) kennen lernt, deren krebskranker Vater Jimmy Gator (Philip Baker Hall) noch immer nicht zugeben will, dass er seine Tochter als Kind missbraucht hat? Bei Earl Partridge, dem sterbenden Medienmogul (Jason Robards), dessen Frau Linda (Julianne Moore) sich enterben lassen will, um ihre Affären zu sühnen, dessen Sohn (Tom Cruise) mit seinen Macho-Trainingsprogrammen "Seduce and Destroy" alte Kindheitstraumata zu überspielen versucht und dessen Pfleger Phil (Philip Seymour Hoffman) es schließlich gelingt, die Familie zum letzten Atemzug des Patriarchen wieder zusammenzubringen? Oder beim gealterten Kinderquiz-Star Donnie Smith (William H. Macy), dem einfach kein spätes Coming-out gelingen will und der im Fernsehen verfolgen muss, wie gerade das neue Kinderquiz-Genie Stanley (Jeremy Blackman) abgerichtet wird, in jener legendären Show What do Kids Know?, seit 30 Jahren produziert von Earl Partridge und moderiert von Jimmy Gator?

Wir erzählen am besten gar nicht mehr. Wir lehnen uns gleich wieder zurück, schwer seufzend vor dem Andrang der Last, die all diese Menschen mit sich herumtragen müssen und die Paul Thomas Anderson gekommen ist in mahnender Absicht vor uns auszugießen. Aber ist das wirklich seine Absicht? Hat ein 30-Jähriger nichts Besseres zu tun, als das Elend der Welt zu schultern? Doch, er hat, und er tut es ja auch: Muskelspiel, Kraftmeierei. Das Elend der Welt ist nämlich vor allem eine sportliche Herausforderung. Wie viel kann ich tragen? Und wie lange? Wann verliere ich die Balance? Der Film hält das Gewicht, über 189 Minuten. Alle Achtung. Aus dem Jungen wird noch mal was.

Magnolia ist hochgradig prätentiös. Magnolia ist eine großartige Einzelleistung. Paul Thomas Anderson sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Paul Thomas Anderson kann schon alles. Nur Maß halten kann er nicht.

Die Maßlosigkeit hat allerdings auch einen großen Vorteil. Anderson kann sich nicht satt sehen an seinen Schauspielern. Sie dürfen sich austoben wie ihr Regisseur, der ihnen dafür Platz schafft, Ruhezonen, in denen viel zu sehen und zu genießen ist, noch mitten im Crescendo der Parallelmontagen. Fast wird darin die Maßlosigkeit an sich selbst kuriert. Denn den Darstellern gelingen Szenen von jener Genauigkeit und Tiefe, die dem Gesamtunternehmen gerade fehlen. 

Magnolia wirkt mitunter wie ein Pulp Fiction des Melodrams. Anderson weiß, was die Zuschauer wissen. Er weiß, dass er nicht der Erste ist; dass es alte Muster sind, die er neu kombiniert. Er schraubt sich sein Schuld-und-Sühne-Epos so unbefangen zusammen wie Tarantino seine Krimi-Collage. Aber schließlich soll es dabei nicht auf die Coolness ankommen, sondern auf Anteilnahme. Auch wenn schon alles da gewesen ist - Mitleid muss immer wieder möglich sein. Der Krankenpfleger Phil sagt einmal zu seinem Gesprächspartner: "Ich weiß, das kommt Ihnen jetzt vor wie die Filmszene, in der der Vater versucht, mit seinem lange verlorenen Sohn in Kontakt zu treten. Wissen Sie was - das ist die Szene. Ich glaube, sie kommt in Filmen vor, weil sie wahr ist." Darin steckt Andersons eigene Hoffnung: Ich kann euch nichts Neues erzählen; aber wenn ihr mir glaubt, dann werdet ihr's erleben wie neu. Selten standen Aufrichtigkeit und Prätention so nah beieinander.